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«Hamlet» im Schweizer Geldadel: Der neue Luzerner «Tatort» überzeugt doch

Die deutsche «Bild»-Zeitung hat den 14. Luzerner «Tatort», der am Sonntag, 5. August, gezeigt wird, vorschnell vernichtet. Dani Levys Wagnis eines Drehs ohne Schnitt gibt der Luzerner «Tatort»-Reihe, die nächstes Jahr eingestellt wird, nochmals Format.
Julia Stephan
Unternehmer Walter Loving (Hans Hollmann), neben Sohn Franky (Andri Schenardi) und Ehefrau Alice (Sibylle Canonica) im KKL. (Bild: SRF/Hugofilm)

Unternehmer Walter Loving (Hans Hollmann), neben Sohn Franky (Andri Schenardi) und Ehefrau Alice (Sibylle Canonica) im KKL. (Bild: SRF/Hugofilm)

«Willkommen in Luzern. Hier riecht die Schweiz wirklich noch nach Schweiz, echt und teuer!» So begrüsst der neue Luzerner «Tatort» die Zuschauer. Der Schweizer Unternehmer und Mäzen Walter Loving hat mit dem argentinischen Jewish Chamber Orchestra zum Benefizkonzert ins KKL geladen. Gedacht wird der dem Holocaust zum Opfer gefallenen jüdischen Komponisten. Ein Stuhl kostet 10 000 Franken, der Abend ist 15 Millionen schwer.

Während die Begüterten ihr Gutmenschentum mit Champagner veredeln, ist auch der über 80-jährige Mäzen Walter Loving in seiner Rolle als ehemaliger Fluchthelfer ganz trunken von der Welle der Rührseligkeit, die ihm aus dem Publikum entgegenschwappt. Der Chef­juristin seiner Stiftung macht er vor der anwesenden Ehefrau einen pathetischen Heiratsantrag und spannt seinem ungeliebten Sohn Franky mit dieser Geste gleich noch die Freundin aus.

Das KKL wird zum gläsernen Käfig

So die Tonalität der Regiearbeit von Fasnachts-«Tatort»-Regisseur Dani Levy («Schmutziger Donnerstag»). Es geht um Exzess und Inzest, um Hysterie, um Liebe, Hass, und Vernichtung. Um all das, was man im regulären Luzerner «Tatort» nur in homöopathischen Dosen verabreicht kriegt.

Der Film, den Levy in einer einzigen Kameraeinstellung gedreht hat, birgt nach und nach die amoralischen Leichen im Keller einer reichen Schweizer Familie. Wie in Sebastian Schippers ebenfalls in einer einzigen schwind­ligen Kamerafahrt abgedrehten Film «Victoria» (2015), in dem Jugendliche im Exzess des Berliner Nachtlebens ihrem Untergang entgegentorkeln, hat Levy, der fasziniert war vom «starken Gefühl des cinéma verité» in Schippers Film, seinen Protagonisten einen ähnlich tiefen Fall mit tödlichem Ausgang beschert.

Das gläserne Käfig KKL wird zum dänischen Königshaus. Lovings Sohn Franky als moderne Hamlet-Figur spuckt verächtlich auf seine Familie – und auf den Schweizer Geldadel.

Gespielt wird Franky vom Urner Schauspieler Andri Schenardi. Der hatte schon 2011 am Berner Stadttheater die Schweiz mit seiner «Hamlet»-Interpretation verzaubert. Bei Levy nimmt er den Zuschauer mit dem Blick des Wissenden an die Hand – als Einziger hält er kontinuierlich Blickkontakt zur Kamera. Auf seinen Gängen durchs KKL spottet er, Levys Story «mit Relevanz» füllen zu müssen.

Letzteres wird die Zuschauer des konservativen «Tatort»-Lagers zwar auf die Palme bringen. Schenardis Präsenz wird sich dennoch kaum einer entziehen können. Wie er als reicher Grosskotz-Schnösel mit flackerndem Wahnsinn in den Augen an der Sicherheitskontrolle vorm KKL die Schweizer Kleinkariertheit herausfordert, ist eine Wucht.

«Hier stinkt es wie auf einem Misthaufen», konstatiert er mit Blick in die Damentoilette, wo gerade aufs blitzblanke Brünneli gekotzt wurde – auch dieser Anblick bleibt einem als Zuschauer nicht erspart. Man soll begreifen: «Etwas ist faul im Staate Dänemark.» Das gönnerhafte Mäzenatentum eine Farce. Eine grosse Schuld verbirgt sich dahinter.

Kamerafahrt schafft krasse Intensität

Filip Zumbrunn jagt mit seiner Handkamera den Protagonisten hinterher, kitzelt den Nerv mit Rückenansichten, Bädern in der anonymen Menge und klaustrophobischen Fahrstuhlszenen. Zumbrunn hält richtig drauf, wenn Luftröhrenschnitte gemacht werden und Defibrillatoren Stromschläge durch leblose Körper jagen. Das schafft Tempo und krasse Intensität, die man sich von Luzern nicht gewohnt ist.

Auch die sonst so aseptisch wirkende Liz Ritschard (Delia Mayer) darf in ihrer Abendgarderobe in Apricot mal eskalieren. Stefan Gubsers Kommissar Flückiger hingegen, der im FCL-T-Shirt wie ein zweiter Frank Thiel durch die Cüpligesellschaft schlurft, kommt mit dem Tempo nicht mit. «Ich bin langsam zu alt für diesen Scheissberuf», flucht er einmal. Man muss ihn leider beim Wort nehmen. Gubser geht im Bad dieser illustren Schauspielermenge etwas unter.

Der Cast aus gestandenen Theaterschauspielern ist die grösste Trumpfkarte von Daniel Levys gross angelegtem «Tatort»-Experiment. Vier Wochen Proben hat es in Anspruch genommen. Viermal wurde durchgedreht. Gottfried Breitfuss fesselt als vor Leidenschaft übersprudelnder Dirigent. Die ehemalige Grande Dame des Luzerner Theaters, Heidi Maria Glössner, steht die resolute Eventmanagerin. Die türkisch-schweizerische Schauspielerin Uygar Tamer, die in der deutschen Fernsehtrilogie-Trilogie über die NSU-Morde so positiv auffiel, kriegt als umschwärmte Chefjuristin und Anwältin der Wahrheit den Ophelia’schen Wahnsinn prima auf die Reihe. Und wie der ehemalige Direktor des Basler Theaters, Regisseur und Schauspieler Hans Hollmann, mit seinen 85 Jahren als Mäzen seine Version der Vergangenheit heruntermonologisiert, ist schon irre. Die Schuld überdeckt er mit Krokodilstränen. Und weil die verwackelten Kamerabilder Zumbrunns dem Zuschauer Glauben machen, selbst in diesem zerbrechlichen Greisenkörper zu stecken, ist das ziemlich beklemmend.

Geld oder Gerechtigkeit?

Am Ende ist nicht nur die Stimmung dieser Cüpli-Gesellschaft vergiftet, sondern – Shakespeares «Hamlet» lässt grüssen – auch die Leiber einiger Würdenträger. Geld oder Gerechtigkeit, das war mal die Frage. Am Ende gewinnt die Gerechtigkeit. Ein Zugeständnis an das Krimi-Format muss schliesslich sein.

«Tatort» – «Die Musik stirbt zuletzt.» Regie: Dani Levy. Sonntag, 5. August, 20.05 Uhr, SRF 1.

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