Hamlet, am Ende aller Illusionen

Enormer Aufwand und Herausforderung für Ausführende wie Publikum: Das Opernhaus Zürich präsentiert Wolfgang Rihms «Hamletmaschine», die nichts von ihrer Sperrigkeit verloren hat.

Tobias Gerosa
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Hervorragend: Scott Hendricks. (Bild: Opernhaus/Tanja Dorendorf)

Hervorragend: Scott Hendricks. (Bild: Opernhaus/Tanja Dorendorf)

«Hoffnung ist nur ein Mangel an Information.» Die Botschaft der «Hamletmaschine» ist beunruhigend, trotzdem wurde die Neuinterpretation der 1987 uraufgeführten Oper von Wolfgang Rihm am Sonntag im Opernhaus Zürich heftig applaudiert.

Heiner Müllers Kommentar

Wolfgang Rihm nahm einen Text von Heiner Müller von 1977 zur Grundlage seines Musiktheaters. Er ist Weiterschreibung und Kommentar zu Shakespeares Stück, nur wenige Seiten lang, aber enorm dicht und wirkungsvoll. Wo bei Shakespeare der Held zaudert, steht er hier am Ende aller Illusionen und Hoffnungen. Müller schichtet Shakespeare, enttäuschte politische Ideen und persönliche Reminiszenzen verdichtet übereinander.

Dazu fügt Rihm musikalische Schichten, die ungemein farbig und abwechslungsreich sind, hochdramatisch und mit enormer Power. Dirigent Gabriel Feltz hält Orchester, Chor und Solisten streng und kompetent zusammen, lässt der Musik dabei Raum und Zeit. Gesprochene oder gesungene Sprache sind dabei gleichberechtigte Elemente wie andere Klänge. Das macht die Partitur schon dicht und komplex, der Komponist will aber auch die Regie in diese Einheit einbeziehen (und leitete den Premierenapplaus demonstrativ an die Interpreten weiter). Regisseur Sebastian Baumgarten spielt da nur zu gerne mit und fügt seinerseits historische, politische und theatrale Schichten dazu – auch zu viel an Information kann Hoffnung töten.

«Ich bin nicht Hamlet»

Die drei Hamlet-Darsteller sind bei ihm Wiedergänger Heiner Müllers. Die Schauspieler Anne Ratte-Polle und Matthias Reichwald sind oft lauter als nötig, spielen sich und dem hervorragenden, textdeutlich und hochdifferenziert singenden Scott Hendricks die Bälle textlich und darstellerisch jedoch fulminant zu. Schon ihr eröffnendes «Ich bin nicht Hamlet» bekommt mehrfachen Boden – wie das riesige Schiff, das Barbara Ehnes als Sinnbild gebaut hat. Sind wir vielleicht ganz unten in einem der Flüchtlingsschiffe auf dem Mittelmeer; ist diese kaputte Welt Europa, unser Westen?

Grosse Projektionen verwandeln den Schiffsbauch für jeden Teil in ein anderes historisches Setting zwischen Ostberlin, der RAF, Charles Manson und heutiger Spassgesellschaft. Der grossartig intensiven Nicola Beller Carbone, die als Ophelia hier auch zu Ulrike Meinhof wird, gesteht Baumgarten nicht einmal mehr die mythologische Rächerrolle Elektras zu, die sie bei Müller noch hatte: Sie wird zur sinnlosen Mörderin.

Vorher führt Baumgarten die Inszenierung noch in Andy Warhols New Yorker Factory und vor die Plattenbaufassaden am Alexanderplatz. An beiden Orten gibt es keine Hoffnung auf eine andere, bessere Welt. Marx, Lenin und Mao sind nur noch steinerne Zeugen einer andern Zeit.

Fordernd und lohnend

War schon Müllers Text voller düsterer Desillusionierung und nahm Rihm das musikdramatisch auf, so dreht die Zürcher Inszenierung Baumgartens diese Schraube weiter und befragt die Situation heute, ohne Antworten zu haben. Das ist beunruhigend und macht diese sehr aufwendige «Hamletmaschine» noch mehr zu einem fordernden, aber gerade darum auch sehr lohnenden Abend.

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