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Häutungen der Jahrhunderte

Ein 500 Jahre altes Paar Schuhe und eine übermalte, zerkratzte Wandmalerei mit einer Klageschrift aus der Zeit der Landvögte: Zwei spektakuläre Funde stehen im Zentrum der neuen Sonderausstellung im Schloss Werdenberg.
Bettina Kugler
So sahen die Schuhe der Küchenmagd vor mehr als 500 Jahren aus – Experten haben sie anhand der Originale datiert und rekonstruiert. (Bild: Schloss Werdenberg)

So sahen die Schuhe der Küchenmagd vor mehr als 500 Jahren aus – Experten haben sie anhand der Originale datiert und rekonstruiert. (Bild: Schloss Werdenberg)

WERDENBERG. Lebendig wird das Jahresthema 2016 von Schloss und Schlossmediale Werdenberg im oberen Geschoss, am Ende der vielen steinernen Treppenstufen. Eine echte Königsboa, 1,70 Meter lang, verdaut dort im Terrarium, gut versteckt hinter einem Stück Baumstamm, ihre monatliche Mahlzeit. Daneben, ebenfalls hinter Glas, feines, zerbrechliches Gewebe, abgestreifte Schlangenhaut. Um solche «Häutungen» geht es auch in der neuen, am vergangenen Wochenende eröffneten Sonderausstellung: Überreste vergangener Zeiten, die irgendwann zurück ans Tageslicht finden und Historikern neue Erkenntnisse über das Leben, den Alltag früherer Jahrhunderte verschaffen.

Objekte, die Fragen aufwerfen

Reichhaltig waren die Funde im Zuge der Leitungssanierungen 2014 in Werdenberg: Rund 13 000 Stücke aus der 800jährigen Geschichte von Burg und Städtli verzeichnete die grossflächige und systematische Untersuchung der kantonalen Denkmalpflege, vom Knochen bis zum Reitersporn. Die aussagekräftigsten davon sind nun im Schloss zu sehen, präsentiert in farblich abgestuften Kisten, die sinnbildlich für die Zeitschichten stehen. Zudem haben die Ausstellungsgestalter um Museumsleiter Thomas Gnägi die Kisten in der Vögtehalle so angeordnet, dass die jeweiligen Fundorte sichtbar werden – und sie stellen Fragen, statt mit fertigen Antworten aufzuwarten. «Was assen die Schlossherren?», «Schlief die Magd in der Küche?», «Ist das eine Spielfigur?», «Gehörte der Reitersporn einem Ritter?» Das macht neugierig, sich entlang der Fundstücke auf historische Rekonstruktionsprozesse einzulassen.

In der Haut der Küchenmagd

Etwa am Beispiel der Lederschuhe, die eingemauert in einer Nische der spätmittelalterlichen Schlossküche gefunden wurden. Ein Expertenpaar konnte sie anhand des Leders und der Verarbeitungsart auf etwa das Jahr 1505 datieren – und rekonstruieren. So stehen sie nun am einstigen Arbeitsplatz der Küchenmagd, der die vom Zahn der Zeit angenagten, nun gemeinsam mit den übrigen Funden ausgestellten Originale gehörten: nagelneu, gefertigt aus schwarzem und rotbraunem Leder, in einem gläsernen Kubus angestrahlt. Als käme die Burgmagd gleich aus fernen Zeiten zurück in das Tonnengewölbe, in dem seither diverse andere Küchen waren. Ein Audiofile mit Arbeitsgeräuschen verstärkt die Suggestion; man hört eine Frau husten. Kalt genug ist es im Schloss.

«Mit diesem Fund haben wir historisch <Fleisch am Knochen>, sagt Thomas Gnägi; «eine frühere Epoche kommt uns über den Alltagsgegenstand eines Menschen nahe.» Daraus, dass sie als Paar zusammen mit Küchenutensilien in einem der Luziden (der Abzugfenster zum damals ungedeckten Innenhof) gefunden wurden, schliesst Gnägi auf einen bewussten Zeitenwechsel: Am Vorabend der Neuzeit habe man mit diesen Gegenständen eine vergangene Epoche symbolisch eingemauert und abgeschlossen. Zudem steht der Fund für die bauliche Veränderung von der mittelalterlichen Burg hin zum repräsentativen Schloss als Sitz der Landvogtei.

Ein Landvogt leidet als Vater

Ein weiterer überraschender Fund stammt aus der Zeit der Landvögte. Bei den Sanierungsarbeiten stiess eine Praktikantin über den Fensternischen der Landvogtstube auf Farbspuren von übertünchten Wandmalereien. Entdeckt wurde eine Klageschrift des Glarner Vogtes Johann Peter König, von 1711 bis 1713 auf Schloss Werdenberg.

«Ich hab ein schweren Kampf gekempfft / Mit Traur und Schmertz», so lässt der Vogt den Jammer über die Ermordung seines Sohnes Fridolin auf dem Weg zum Markt nach Lindau an der Wand festhalten. Fridolin war von einem Zechbruder aus Bernegg ausgeraubt und erstochen worden; beim Rheintaler Vogt freilich fand der Vater kein Gehör. Das Wappen Johann Peter Königs in der Mitte wurde später zerkratzt, möglicherweise am Ende des 18. Jahrhunderts durch die Franzosen, im Sinne einer «Damnatio Memoria», einer Auslöschung früherer Herrschaftssymbole. Wiederum wird ein Stück Werdenberger Schlossgeschichte an einem Menschen greifbar: einem von Schmerz gebeutelten Vater.

Wechselnde Schutzherren

Von «Häutungen» schliesslich erzählt auch die Fassade des Schlosses. In den 1970er-Jahren wurde das grosse Fassadenbild des heiligen Fridolin übermalt – da gehörte das Schloss längst dem Kanton St. Gallen; Fridolin, Schutzheiliger der Glarner, war 1925 unter dem früheren Schlossbesitzer Hans Hilty an die Fassade gemalt worden. Heute erinnert dort das Werdenberger Wappen an die Erbauer der ursprünglichen Burg.

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