Händel, mit Haut und Haar

Die Sängerin mit der Neigung zu eigenwilligen Projekten feiert Händels Heldinnen und kommt nach Zürich. Und gibt im Vorfeld Auskunft.

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Cecilia Bartoli, Entdeckerin auf und neben der Bühne (Bild: Decca)

Cecilia Bartoli, Entdeckerin auf und neben der Bühne (Bild: Decca)

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@tagblatt.ch

Als wir telefonieren, ist die Opernsängerin Cecilia Bartoli gerade zurück aus Graz, und schon beinahe auf dem Weg nach Budapest. Nächsten Montag steht dann Zürich auf der Agenda. Der Ort, in dessen Nähe sie wohnt, bildet den Abschluss ihrer Tournee mit dem Titel «Händel Heroines». Als sie damit in München Halt machte, stellte der Berichterstatter der «Süddeutschen Zeitung» fest: «Von allen grossartigen Konzerten, die Cecilia Bartoli bislang in München gegeben hat, könnte dies das allergrossartigste gewesen sein.»

Denn sie reihe nicht einfach nur Arien aneinander. Nein, sie baue sich eine neue Oper zusammen, mit allen dafür nötigen Affekten «und sogar voll mit Duetten und Terzetten. Allerdings singen ihre Dialogpartner nicht; es sind die umwerfenden Bläsersolisten des Orchesters Les Musiciens du Prince.»

Mit grosser Energie ist die Mezzosopranistin unterwegs: Mit jener Energie, die sie auf den Opern- und Konzertbühnen und auf ihren CDs hören lässt. Man spürt viel davon, wenn man mit ihr über Händel spricht und über dieses Orchester aus Spezialisten auf alten Instrumenten, das sie ins Leben gerufen hat, und das – wie der Name sagt – vom Prinzen von Monaco gefördert wird.

«Händel zu singen erfordert eine solide Technik»

Händel wird sie im Übrigen nicht los lassen, wenn die Tournee zu Ende ist. Aufs Jahresende hin wird Cecilia Bartoli am Opernhaus Zürich zu hören sein – in Händels «Alcina». «Georg Friedrich Händel ist eines der Genies der Barockzeit», sagt sie. «Er erzählt Geschichten, die uns nah sein müssen. Sie handeln von der Schwäche der Menschen und von ihrer Kraft. Seine Musik richtet auf und tröstet. Ich empfinde Händel wie eine Art Grossvater.»

Dem Komponisten gegenüber spürt Cecilia Bartoli eine grosse Verantwortung. «Seine Arien zu singen erfordert gute Interpreten, die über eine solide Technik verfügen, weil diese Arien so viele Nuancen aufweisen. Und weil wir Stücke aus allen Epochen seines Lebens ausgewählt haben, kommt auch der ganze Händel zum Vorschein.»

Das noch in Hamburg komponierte Oratorium «Il Trionfo del Tempo e del Disinganno» von 1707 steht chronologisch am Beginn, das Oratorium «Semele» von 1743 schon im letzten Drittel von Händels Karriere. Nachdem der gebürtige Sachse – nach einem Aufenthalt in Italien, dem Geburtsland der Oper – 1710 in London eingetroffen war, hat er dort versucht, die Oper heimisch zu machen. Mit mässigem Erfolg, Händels Opernunternehmen ging Bankrott. Umso erfolgreicher war er mit seinen Oratorien.

Trotzdem liessen ihn auch seine Opern rasch unsterblich werden. Zum einen wegen ihrer Musik, zum andern weil in ihnen starke, selbstbestimmte Frauen Männern gegenüberstehen, die nicht nur mutig, sondern auch zärtlich sind.

«Heute kann ich tiefer in den Charakter eindringen»

Cecilia Bartoli, die ihre Karriere selbstbewusst und eigenständig verfolgt, ziehen solche Figuren an. Seit drei Jahrzehnten steht sie auf der Bühne. «Ich bin sehr jung gestartet, das hat mir eine so lange Karriere ermöglicht», sagt sie, und: «Heute kann ich tiefer in den Charakter einer Rolle ein

dringen – etwa der ‹Norma› von Bellini.» Und sie hat auch eine besondere Leidenschaft entwickelt, Unbekanntes auszugraben in Bibliotheken und Archiven. Schliesslich ist sie seit 2012 künstlerische Leiterin der Salzburger Pfingstfestspiele – wo sie dieses Jahr die Maria in Leonard Bernsteins Musical «West Side Story» gesungen hat. Berührungsängste kennt sie nicht.

Cecilia Bartoli tritt in «Händel Heroines» zusammen mit Les Musiciens du Prince – Monaco am Montag um 19.30 Uhr in der Tonhalle Zürich auf.

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