Hadesfahrt mit Schubert

Lieder und mehrstimmige Gesänge von Franz Schubert als Musiktheater: Diese Rarität bietet «Mein Herz bebt im Stillen» in der Lokremise. Schubert wird darin zum verrätselt morbiden Nacht- und Todesvogel. Am Dienstag war Premiere.

Peter Surber
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Dunkle Schubertiade: Pianist Roberto Forno und die Damen des St. Galler Theaterchors in einer Szene aus «Das Herz bebt im Stillen». (Bild: Benjamin Manser)

Dunkle Schubertiade: Pianist Roberto Forno und die Damen des St. Galler Theaterchors in einer Szene aus «Das Herz bebt im Stillen». (Bild: Benjamin Manser)

Ein Mann liegt tot oder schlafend im Dunkel. Das «Trinklied vor der Schlacht», 1815 komponiert, weckt ihn auf. «Schlacht, du brichst an! Grüss sie in freudigem Kreise, laut nach germanischer Weise! Brüder, heran!» Das virtuose Männerchorstück wird kaum je aufgeführt und ist auch auf CD rar – was wenig verwundert bei den Anforderungen besonders an die Tenöre. Und bei dem kriegslüsternen, antinapoleonischen Körner-Text.

«Vorwärts, auf Leben und Sterben!» Die Männer des St. Galler Theaterchors schmettern das Lied furios in den düsteren Lokremisenraum. Die Damen setzen in gemessenem Drehschritt den Kontrapunkt mit dem Kanon «Der Schnee zerrinnt». Es folgt «Der Tanz» aus Schuberts Todesjahr 1828. Das wenig bekannte Juwel bringt den geselligen Schubert auf den Punkt: «Drum, Freunde, erhebet den frohen Gesang».

Gesang am Grab

«Froh» will der Abend dann aber fast gar nicht sein. Musikdramaturg Serge Honegger, der ihn ausgedacht und inszeniert hat, unterlegt der Musik einen schwarzgrauen, schwer gemusterten Teppich (Bühne Peter Nolle). Auf ihm wandeln und wogen die Chorleute; Marion Steiner kleidet die Männer schubertgleich in elegantgraue Anzüge und neckische Bartkoteletten, die Damen in Festkleid und Schleier.

Gravitätisch und bedeutungsschwer ist die Stimmung. In der Mitte erklingt, heikel a cappella, «Grab und Mond». Antwort auf das Schlacht-Trinklied des Beginns gibt am Schluss ausschweifend «Mirjams Siegesgesang» auf einen Text von Grillparzer. Die Mini-Oper erzählt den Auszug der Israeliten aus Ägypten und den Untergang des Pharaoheers in den Fluten, hochromantisch und mit einer Dramatik dargeboten, wie es dem an seinen Opernambitionen ewig verzweifelnden Schubert wohl gefallen hätte.

Bühne frei für den Chor

Solche Entdeckungen machen den Abend kostbar. Der Profichor des Theaters, sonst stets zudienend, kann sich hier chorisch und solistisch von der besten (wenn auch manchmal schmetternden) Seite zeigen. Dirigent Michael Vogel inszeniert sich vergnügt selber mit und erlaubt sich auch einmal (wenn es bei Ros' und Lilie allzu pathetisch «duftet») einen Scherz mit Schubert. Am Flügel hält Roberto Forno mit stoischer Ruhe die Stellung – ihm gilt im Programm zu Recht ein Extradank.

Im nebligen Halbdunkel und dem gleichförmigen Schreiten des Chors erhält das lose Lied-Potpourri jedoch nur vage Form und kaum herzbebende Dichte. Ein Text des Regisseurs im Programmheft, betitelt «Krankheit Sehnsucht», legt nahe: Es geht ihm um Krieg und Tod, um Sieges- und Grabesgesänge, um «Gefallene» im «Leichenhemd», um einen Schubert der Nachtmahre.

In diesem morbiden Horizont bleiben aber die Liebeslieder des Mittelteils, von Mignons «Sehnsucht» bis zu «Rastloser Liebe», ohne Hallraum, so elegant und leicht Tenor Nik Kevin Koch letzteres auch singt. Sein aufrührerischer «Ganymed» holt keinen Himmel auf diese düstere Erde herab, und dem unvergleichlichen «Ständchen» fehlt die Intimität – statt des Liebhabers klopft der Tod «an des Liebchens Kammertür»: Bariton Markus Beam im schwarzen Hadeskleid und mit einem Vibrato, das martialisch statt «zögernd leise» ist.

Viel Schmerz, wenig Liebe

Lieder wie der «Gondelfahrer», hier vom Frauenchor gesungen, lassen ahnen, was eine Schubertiade auch sein könnte: ein Treffen von Freunden und Freundinnen, berauscht von des Meisters «herrlichen Liedern» und vom «in Mengen» genossenen Punsch, wie Kumpan Kupelwieser es einmal schildert. Ob mit oder ohne Punsch: Hier fehlt der Sehnsuchtston mehrstimmiger Gesänge wie «Nachthelle» oder «Gesang der Geister über den Wassern», hier vermisst man den Franz mittendrin am Klavier, selig und zerrissen zugleich wie in seinem Traumtext von 1812: «Wollte ich Liebe singen, ward sie mir zum Schmerz. Und wollte ich wieder Schmerz nur singen, ward er mir zur Liebe.» An diesem Abend übertönt der Schmerz die Liebe.

Lokremise St. Gallen: weitere Vorstellungen bis 4. April