«Haben Sie sich erschrockt?»

Der Thurgauer Clown Olli Hauenstein hört auf beim Comedyexpress der Bildungsstätte Sommeri, arbeitet aber weiter mit beeinträchtigten Menschen. Um ihre Talente zu wecken, den Zuschauer etwas zu lehren – und weil er eine Vision hat.

Dieter Langhart
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Beendet Mitarbeit beim Comedyexpress Sommeri: Olli Hauenstein zwischen Erich Gadient (l.) und Flurin Hobi in «Lachforelle mit scharf» (2011). (Bild: pd/Diego Hauenstein)

Beendet Mitarbeit beim Comedyexpress Sommeri: Olli Hauenstein zwischen Erich Gadient (l.) und Flurin Hobi in «Lachforelle mit scharf» (2011). (Bild: pd/Diego Hauenstein)

SOMMERI. Er hat sich rechtzeitig die Internetdomäne clown.ch gesichert, schliesslich ist er auch schon lange im Geschäft, 1978 begann er im Duo Illi & Olli. Jetzt hat Olli Hauenstein etwas Neues angepackt – und nur noch zweimal zeigt er «1001 lacht» mit dem Comedyexpress der Bildungsstätte Sommeri.

Vor unserem Gespräch war er in Berlin an einem Anlass zum Thema Flüchtlinge, an dem Kabarettisten, Komiker, Clowns mitwirkten. «Sie stellten andere Werte in den Mittelpunkt als gewohnt», sagt er, «ideelle Werte.»

Lachen – aber mit Anspruch

Was sind Hauensteins Werte, was ist sein Credo? «Das Lachen ist sehr wichtig, aber ich habe Ansprüche.» Es brauche Tiefgang, seine Programme müssten auch geistreich sein, intellektuell, frech. Und umgekehrt: «Ernst funktioniert nicht ohne Lachen.»

Der ausgebildete Pantomime will aus Alltagsthemen «humorvolle Poesie» machen – mit Betonung auf Poesie. «Ein Clown stilisiert, abstrahiert. Er braucht wenig Text, dafür umso mehr Melodie.» Comedy hingegen nutze Alltagssprache, klinge wie Prosa. Doch was ist Olli Hauenstein nun, Clown oder Komiker? «Cirque théâtre mime comedy» steht über seiner Webseite. «Ich tue mich schwer damit, wie ich mich nennen soll. Gewiss will ich nicht Prosa machen.»

Melodie und Poesie als Paar

Text ist also doch wichtig? «Ich setze das Wort sehr bewusst ein, aber ich suche nicht krampfhaft danach. Melodie und Poesie vereinen sich zur Form, die mir als Clown entspricht. Eine poetische Sprache arbeitet mit Bildern.» Ein Beispiel? Wie aus der Pistole: «Haben Sie sich erschrockt?» Damit wecke er ein Bild, überrasche den Zuschauer. Ernst fügt er hinzu: «Wirklich neue Gags zu erfinden ist Knochenarbeit.» Darum geht es ihm auch nicht; er will, dass mehr hängenbleibt als provozierte Lacher. Dass die Zuschauer etwas heimnehmen.

«Ich habe Talente geweckt»

Den Comedyexpress hat der Theaterpädagoge Peter Wenk 2003 gegründet. «Das ist Alltagskomik, aber auch sehr clownesk», sagt Olli Hauenstein zur Arbeit mit Menschen mit geistiger Beeinträchtigung. «Ich habe Talente geweckt und das Selbstwertgefühl gestärkt.» Die Zusammenarbeit hat Hauenstein beendet, weil er nicht mehr so gebunden sein und einen neuen Weg beschreiten wollte.

Grosse Sardinenbüchse

Erich Gadient, einer der Spieler beim Comedyexpress, sagte vor einem Jahr zu Hauenstein, er wolle nur noch mit ihm spielen. Seit Sommer proben die zwei in Hauensteins Atelier. Sie sind von einem Bild ausgegangen – einer grossen Sardinenbüchse.

Das Projekt segelt unter dem Label «teatro comico» und nennt sich «Floating Fools», denn die Sardinenbüchse schwimmt auf dem Wasser. «Die Schiedlichs» heisst ihr erstes Stück: Erich Gadient ist Oberschiedlich, Olli Hauenstein der Unterschiedlich. «Erich lernt viel Neues, was mit einem Therapeuten kaum möglich wäre», sagt Hauenstein.

Er will die «Floating Fools» so ausrichten, dass sie international funktionieren können. Und er will das entstehende Know-how andern Institutionen in der Ostschweiz anbieten, «damit weitere Menschen in die Truppe eintreten und so ihre künstlerische Seite stärken können».

Das Handicap vergessen

Auch andere Künstler, Musiker etwa, sollen hinzustossen können; Hauenstein erwähnt die Musiktheaterband «Die Regierung» aus dem Toggenburg. «Und vielleicht lassen sich dereinst in Workshops Talente entdecken.»

Olli Hauenstein hat eine klare Vision: «Die Zuschauer sollen vergessen, wer derjenige mit dem Handicap ist.» Und fügt hinzu: «Ich will eine Plattform schaffen, um Begabungen sichtbar zu machen, die nicht offensichtlich sind.»

• Fr, 30.10., 18.30 Uhr, Kulturforum Amriswil; Reservation bis 29.10.: 071 410 10 91 oder info@bistro-cartonage.ch • So, 15.11., 17 Uhr, Gasthaus zum Trauben, Weinfelden; Reservation bis 14.11.: 071 622 44 44 oder info@trauben-weinfelden.ch www.comedy-express.ch