«Hab immer noch Leichen im Kopf»

Eine US-Kampfpilotin jagt per Joystick mit Drohne Terroristen – und kehrt jeden Abend zu ihrer Familie zurück. In der Lokremise steigert Anja Tobler diese Zerreissprobe multimedial in die Halluzination.

Hansruedi Kugler
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Anja Tobler wird als Drohnenpilotin allmählich von Halluzinationen gepackt. (Bild: Jos Schmid)

Anja Tobler wird als Drohnenpilotin allmählich von Halluzinationen gepackt. (Bild: Jos Schmid)

Da zerbröselt noch die härteste Schale, da wirkt der ruppigste Machospruch, das rituelle Augenreiben nichts mehr: Nach einer 12-Stunden-Schicht kriegt die Joystick-Terroristenjägerin die Bilder sterbender US-Soldaten nicht mehr aus dem Kopf. Diese liegen im Wüstensand, umgebracht aus dem Hinterhalt. Was die Pilotin sieht, wird für die Zuschauer auf Leinwand projiziert (Inszenierung und Video: Clemens Walter). Die Wärmebildkamera zeigt die Soldaten noch weiss, aber die Körper erkalten, ihre Konturen werden langsam so grau wie ihre Umgebung.

Und sie, die Drohnenpilotin, sitzt 8000 Kilometer weit weg im Container bei Las Vegas, kreist mit der Drohne machtlos über den Todgeweihten – stundenlang. Fortan ist sie besessen von der Rache an Nummer 2 der Terrororganisation. Als sie sein Auto im Visier hat, kennt sie nur ein Ziel: Sie selbst will ihn zur Strecke bringen. Am Ende wird sie scheitern und ihre Identität in der Halluzination zerbrechen. Denn Zivilisten sind als «Kollateralschaden» unverdaulich. Das ist phasenweise atemberaubend gemacht, auch wenn die Zuspitzung zuletzt etwas gar melodramatisch aufgebläht wird: Welche Mutter würde als Kampfpilotin schon kleine Kinder töten?

Rauhbein mit Fliegerromantik

In George Brants Stück «Am Boden» wird der Drohnenkrieg radikal subjektiv aus der Perspektive einer Pilotin erzählt. Anja Tobler steht in diesem Solostück auf der Bühne – von drei Kameras gefilmt. Das schmale Persönchen zeigt sich zu Beginn als Rauhbein. Dass sich Machogehabe mit Fliegerromantik klischeehaft vereint, ist plausibel, denn in dieser Branche gilt es, die Maske, die Fassade zu wahren. Und umso effektvoller lässt sich diese Fassade zerbröckeln: Als Tiger-Pilotin gehört sie zur bewunderten Elite, die Beschleunigung und «das Blau des Himmels» poetisieren ihr mörderisches Handwerk. Die Fliegeruniform «U.S. Airforce» hat sie zu ihrer Identität gemacht, ihr Privatleben besteht aus Biersaufen mit den Pilotenkollegen. Biographie, Vorgeschichte, warum sie zum Militär gegangen ist? Sie erzählt es nicht. Das Stück «Am Boden» konzentriert sich ganz auf die Verschiebungen des Menschlichen und des Realitätssinns: Dass sich ein Mann an sie herantraut, denn «die meisten Typen fühlen sich weniger als Mann in meiner Nähe», dass er sich freut über ihre Schwangerschaft schon nach dem ersten «Ficken», dass er zum besorgten Ehemann und Vater wird, dass er sie in die Therapie schleppt, als sie vom virtuellen Töten fast durchdreht – alles ungewohnt menschlich für das erklärte Rauhbein, für das die Schwangerschaft das vorläufige Ende im geliebten Cockpit bedeutet.

Terroristen-Jagd und Kinder-Kuscheln

Die Wiederanstellung als Joystick-Drohnenpilotin ist eine Demütigung. Die Zweiteilung ihrer Welt in tagsüber Krieg und abends Kuscheln mit der Tochter verwischt immer mehr die Realitäten. Jubel über abgeschossene Terroristen, höhnischer Ekel über die «bekloppten Shows» in Las Vegas, Überwachungskameras in den Umkleidekabinen von H+M, rosa Pferdchen der Tochter: Anja Tobler dreht ihre Figur in einen psychotischen Sog und die Inszenierung wird zum packenden Theaterabend. Auf den Bildschirm starrend überlagern sich die Realitäten. Auf der besessenen Jagd nach Nummer 2 sieht sie ihr eigenes Auto in der Wüste, das Gesicht ihrer Tochter auf dem Körper einer Afghanin – die Halluzination wird übermächtig.

Was macht der Drohnenkrieg mit Soldaten? George Brants wenig überraschende Antwort: Sie können Realitäten nicht mehr auseinanderhalten, quälen sich mit Schuldgefühlen, werden handlungsunfähig. Dass er zum Schluss die omnipräsente und allmächtige Kamera-Überwachung mit dem Drohnenkrieg kurzschliesst, verdirbt leider zeigefingerhaft den Schluss des ansonsten packenden und fabelhaft zurückhaltend gespielten Stücks.

Nächste Vorstellung: Mi, 23.11.