Gutmütiger Spott auf Frankreichs Bürgertum

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Sempé Vive la France. Diogenes, 128 S., Fr. 18.–

Zu oft hat man den französi­schen Zeichner Sempé auf den schlauen kleinen Nick in der Schule oder in den Ferien reduziert. In diesem auf die Frank­furter Buchmesse hin zusammengestellten Band überrascht der Verlag auch mit melancholischen Szenen und mit einer eigentlichen französischen Landeskunde: Da schauen ältere Herren einem Lastkahn auf der Seine zu, blicken aufs Meer oder zum Eiffelturm – immer völlig alleine. Sempé ironisiert damit zwar das romantische Klischee, akzentuiert aber im Ganzen die traurige Lage des Einzelnen in der Massengesellschaft. Das Gedränge am Strand, die Demonstrationen oder die Pariser Strassenschluchten ohne Schatten sind dafür wiederum leicht klischierte Beispiele. Sempé zeichnet diese kulturkritischen Momente mit viel gutmütigem Spott und heiterem Charme. Ein politischer Karikaturist ist er nicht. Die ausgelassenen Knirpse, das behäbige Bürgertum, das Unglück der Reichen und die Tour de France – alles kommt vor. Für Nostalgiker und Poeten sind Sempés Zeichnungen immer noch gültige Massstäbe.

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Beck Wenigstens braucht man mit dir keinen Sonnenschirm. Edition Moderne, 136 S., Fr. 24.–

Mürrische Zeitgenossen lacht man gerne aus

Keine leisen Melancholiker wie bei Sempé, sondern mürrische Choleriker zeichnet Beck. Zum Glück gehen seine Ein-Bild-Cartoons über Schwiegermutter-Witze hinaus – auch wenn der Titel das befürchten lässt: Der Wanst des Gatten gibt wenigstens Schatten am Strand, zumindest einen Zweck also hat der werte Mann. Witze über freudloses Aneinanderhängen sind leider selbst traurig. Da macht die griesgrämige Selbstironie der über­gewichtigen Dame schon mehr Freude, die zu ihrer Katze sagt: «Mein Kater verweigert sein Futter, das verwöhnte Stück. Ich wünschte, ich hätte seine Willenskraft.» Und auf eigene Unsitten macht uns schliesslich jener Depp aufmerksam, der ins Handy schreit: «Schatz, ich bin in der Kirche. Brauchen wir was aus der Kirche?» Moderne Medien sind ohnehin Futter für die Karikaturisten. So brauchen Eheleute nicht mehr zu streiten: Sie schicken sich stattdessen Links zu «interessanten» Seiten, die ihre jeweilige Meinung stützen. Lachen und Selbsterkenntnis liegen halt doch nahe beieinander.

Hansruedi Kugler