Gute Ambition, schlechte Ambition

Es gibt viele Talente am Klavier, aber nur wenige schaffen es an die Spitze. Worauf es ankommt, das weiss András Schiff. Er hat sogar ein eigenes Förderprogramm entwickelt: Building Bridges.

Rolf App
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«Wenn das Konzert gut war und man spürt, dass das Publikum mitgegangen ist, dann fühlt man sich befreit»: András Schiff. (Bild: Peter Fischli/Lucerne Festival)

«Wenn das Konzert gut war und man spürt, dass das Publikum mitgegangen ist, dann fühlt man sich befreit»: András Schiff. (Bild: Peter Fischli/Lucerne Festival)

Mittagszeit, die Tonhalle Zürich liegt in tiefer Ruhe. Kein Orchestermusiker weit und breit. Ausser András Schiff, der im Künstlerzimmer sitzt und Béla Bartók spielt. Dürfen wir stören? «Aber sicher, wir sind ja verabredet», sagt er in seinem weichen, ungarisch gefärbten Deutsch und macht eine einladende Handbewegung. Die Frage, ob man ihn denn nun mit Sir anreden soll – dem Titel, den ihm die englische Königin verliehen hat –, wischt er sehr rasch beiseite.

Gerade ist eine CD erschienen mit Mitschnitten jener Zugaben, die er in den Jahren 2004 bis 2008 hier in Zürich bei einem Zyklus aller Beethoven-Sonaten gespielt hat (Encores after Beethoven, ECM). Beim Hören beeindruckt die Konzentration, die er am Ende anstrengender Konzerte aufgebracht hat. «Wenn das Konzert gut war und man spürt, dass das Publikum mitgegangen ist, dann fühlt man sich befreit und viel ruhiger als am Anfang.»

«Es sind sehr viele, die ­mir vorspielen wollen»

Er sagt es wohl auch mit Blick auf den Abend unseres Gesprächs, da er, begleitet vom Tonhalle-Orchester Zürich unter Bernhard Haitink, Beethovens fünftes Klavierkonzert spielen wird. Man kann sich gut vorstellen, dass sich in ihm schon eine gewisse Anspannung bemerkbar macht – bei aller Erfahrung, die der 63-Jährige in Jahrzehnten der Konzerttätigkeit gesammelt hat.

Wir wollen über den Nachwuchs reden. Über jene jungen Menschen, die zu ihm kommen, die begutachtet und gefördert werden wollen. «Es sind sehr viele, die mir vorspielen wollen, und es befinden sich darunter sehr viele gute – sogar sehr gute – junge Musikerinnen und Musiker. Allerdings nicht viele herausragende. Was, wie ich glaube, immer der Fall war. Oben hat es immer Platz. Nur: Wie kommt man dahin?»

«Musikalische Wettbewerbe sind Unsinn»

András Schiff könnte jene Wettbewerbe empfehlen, in denen der Nachwuchs sich misst. Gegen sie aber empfindet er eine entschiedene Abneigung. «Sie degradieren Musik zum Sport», sagt er sehr entschieden. Im Sport, den er sehr mag, kann man Leistungen vergleichen, sogar messen. «In der Musik ist alles Messbare unwichtig. Tempo, Lautstärke, Präzision: das ist messbar. Die Kunst aber machen unmessbare Elemente aus wie Ausdruck, Interpretation, Umgang mit der Zeit.» Mit anderen Worten: «Solche Wettbewerbe sind Unsinn.»

András Schiff betätigt sich als Brückenbauer

Dass das Publikum Wettbewerbe geniesst, erinnert András Schiff an die Gladiatorenkämpfe im alten Rom. «Die haben den Leuten auch gefallen. Aber fragen Sie mal die Gladiatoren.» Zwar gehe es im musikalischen Wettstreit nicht um Leben und Tod – aber darum, jemanden zu besiegen. «Das aber ist antikünstlerisch.» Ausserdem verschwinden viele Sieger rasch wieder von der Bildfläche, «weil sich etwa bei einem langen Klavierabend zeigt, dass sie nichts zu sagen haben.»

So hat András Schiff eine Alternative zum Wettbewerb gesucht – und sie in einer Form gefunden, die er «Building Bridges» nennt. Das heisst: Er betätigt sich als Brückenbauer und ermöglicht jungen Talenten Auftritte in eigenen Konzertreihen in Berlin, Frankfurt, New York, Zürich und anderswo. Wobei die Zürcher Reihe vom Sommer an nicht mehr im kleinen Saal der Tonhalle stattfinden kann, weil sie während dreier Jahre renoviert wird.

Was es ausser Talent noch braucht

Erste Früchte der 2014 begonnenen Nachwuchsförderung zeigen sich. «Immer mehr Städte kommen dazu», sagt András Schiff. «Das ist alles, was ich machen kann. Wie es weitergeht, das hängt von den jungen Künstlern selber ab.» Das heisst davon, wie sie sich präsentieren. Ihr Talent erkenne man rasch, «ich merke das schon nach zwei Tönen». Doch dazu kommen müssten Fleiss, Disziplin, Konzentration – und Glück. Und: Umgangsformen. «Man muss nicht nur mit dem Publikum kommunizieren, sondern auch mit dem Veranstalter, mit Bühnenarbeitern, mit dem Orchester. Das gehört dazu, aber das lernt man auf dem Konservatorium nicht.»

Was man auch nicht lernt, das ist Bescheidenheit. Er selber sei in seiner Jugend in Ungarn in kleinen Städten und Dörfern unter sehr schlechten Bedingungen aufgetreten, erzählt András Schiff. «Da stand kein toller Steinway-Flügel. Manchmal fehlte dem Klavier ein Bein – oder zehn Tasten. Und ich musste trotzdem spielen.»

Eine Krankheit namens «Karrieritis»

Heute seien viele junge Menschen sehr verwöhnt. Vieles kommt zu schnell und zu leicht, András Schiff nennt diese Krankheit «Karrieritis». Oft sind schon Eltern davon befallen, die ihn mit Wunderkindern aufsuchen.

Zu junge Künstler werde er nie präsentieren, betont er. Denn was er sucht, das sind Künstler, die für die Musik brennen und sie nicht als Beruf, sondern als Berufung empfinden. «Ihnen helfe ich, sie lade ich ein zu meinen Kursen. Dort gehen wir auf ihre Probleme ein, ob sie nun musikalisch oder seelisch oder menschlich sind.» Wie man im Konzert der Musik wie einem unsichtbaren Faden folgt oder wie man mit der Anspannung umgeht: Auch das wird besprochen. «Denn nervös sind wir alle vor einem Auftritt.»

…und der Pianist und Komponist Michael Brown aus New York. (Bilder: PD)

…und der Pianist und Komponist Michael Brown aus New York. (Bilder: PD)

Zwei Nachwuchskünstler von Building Bridges: Mishka Rushdie Momen aus London …

Zwei Nachwuchskünstler von Building Bridges: Mishka Rushdie Momen aus London …

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