Gut gekämpft, Azem

Der Film Being Azem von zwei Ostschweizer Filmemachern ist ein bisschen wie «Rocky». Nur besser, weil er weniger pathetisch ist und vor allem echt.

Katja Fischer
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Weltmeister Azem Maksutaj bei seinem Trainer in Thailand: «Ich habe mit Thaiboxen angefangen, weil es meine einzige Chance war.» (Bild: pd)

Weltmeister Azem Maksutaj bei seinem Trainer in Thailand: «Ich habe mit Thaiboxen angefangen, weil es meine einzige Chance war.» (Bild: pd)

Azem Maksutaj ist 14facher Weltmeister im Thai- und Kickboxen. Sieg durch K. o., meistens. In seiner alten Heimat Kosovo wird Maksutaj dafür verehrt wie ein Held. In seiner neuen Heimat Winterthur wechselt er Windeln und kocht Rührei – für seinen zweijährigen Sohn. «Mein Vater hätte sich geschämt, wenn man ihn mit einem Baby im Arm gesehen hätte», erzählte er kürzlich dem «Tages-Anzeiger». Azem Maksutaj ist Moslem, ist Schweizer – eingebürgert beim zweiten Anlauf. Beim ersten konnte er nicht alle Stadträte aufzählen.

Die gleichen Räte, die ihn wenige Tage zuvor zum Winterthurer «Sportler des Jahres» gratuliert hatten.

Azem kam mit 14 Jahren von einem kosovarischen Bergdorf in die Schweiz. Von der engen Blockwohnung flüchtet er in den Keller des Wing Thai Gym. Lernte sich durchboxen, wortwörtlich, und jetzt ist er prominent. Nicht wegen seiner 14 Weltmeistertitel. Azem ist Kinostar.

Die beiden Ostschweizer Regisseure Nicolo Settegrana und Tomislav Mestrovic haben mit «Being Azem» ein erstaunliches Filmporträt über den Thaiboxer und vor allem über den Menschen Azem Maksutaj abgeliefert.

Azem schaffte es dank des Filmes an die Orte, die ihm als hochdekorierter Kämpfer verwehrt geblieben waren. Er klopfte mit DJ Bobo den «Samschtig-Jass», er sinnierte bei «Aeschbacher» über die Liebe und das Leben und gibt Interviews am Laufmeter.

Azem hat Angst

Man mag dem charismatischen Kämpfer den späten Ruhm in der neuen Heimat gönnen. Spätestens, wenn man ihn im Film sieht, wie er sich mit wackliger Handkamera im Badezimmer ins Bild setzt und Dinge sagt wie: «Ich ha scho huere Schiss.» Und damit den grössten Kampf seines Lebens in Las Vegas meint. Und gleich darauf: «Schatz, halt die Kamera doch mal still.» So ist Azem, liebevoll, aufbrausend, ängstlich und stark. Ein Schweizer Rocky – nur ohne Pathos.

Das Gewicht der Welt

Es wäre für die beiden jungen Filmemacher ein leichtes gewesen, eine Hollywood-Geschichte à la «Rocky» aus Azems Biographie zu schneidern. Sie haben es zum Glück nicht getan.

Mehr als zwei Jahre hat das Filmteam den Kämpfer begleitet: Sie waren mit ihm in Thailand bei seinem Trainer und unter dem Wasserfall mit seiner Freundin. Sie haben Azems Verzweiflung gefilmt beim Besuch seiner alten Schule in Kosovo. «Diese Kinder haben keine Chance.

» Sie haben stundenlang in dunklen, schweissverhangenen Trainingskellern verbracht, sind mit am Ring gestanden in Stockholm, Las Vegas und Winterthur. Das Resultat: gute Bilder. Der Film lebt nicht von den Kampfszenen, stark ist er davor oder danach. Etwa, wenn Azem Maksutaj mit einer sieben Kilo schweren Bleijacke seine Übungen bis zu Erschöpfung absolviert. Schöner könnte man keine Metapher konstruieren.

Azem, der das Gewicht der Welt trägt, Azem, der alleine und verbissen gegen Missachtung und Klischees ankämpft.

Ein prügelnder Albaner

Gegen das Klischee des prügelnden Albaners. Nur ungern wird er auf den «Parkplatzmörder» Bashkim Berisha angesprochen. Auch der ein grosses Kickboxtalent, aus dem gleichen Dorf wie Azem, er hat im gleichen Keller in Winterthur trainiert, dann trennen sich die Wege der beiden: Der eine gewinnt alles, der andere tötet. Auch «Being Azem» endet traurig, wäre da nicht der Abspann.

Da sieht man Azem und seine schöne Frau Njomza tanzen, an ihrer Hochzeit. Man sieht, wie der Kickbox-Weltmeister den dicker werdenden Bauch seiner Frau filmt, und es ist dann doch ein bisschen wie bei «Rocky». Wenn der grosse Kämpfer weich wird und erkennt, dass das Glück nicht im Ring liegt, sondern zu Hause auf dem Sofa wartet.

«Being Azem» ab Karfreitag im Kinok, St. Gallen, und im Cinewil, Wil. Am 6.4. sind die Macher und Azem im Kinok anwesend.

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