Gut erzählt ist halb gewonnen

Mit «Lymbacher» schlägt die Bühni Wyfelde düsterere Töne an, als man es von ihr gewohnt ist. Meinrad Inglins Dialektkomödie kommt unter Jürg Schneckenburgers Regie bewusst sperrig daher. Die Silvester-Premiere hat gefallen.

Christof Lampart
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Ein auf Hochglanz polierter Austin Healey, der Titelheld und seine Frau: Chlaus Lymbacher (Thomas Götz) und Anna Lymbacher (Yvonne Heuscher). (Bild: Reto Martin)

Ein auf Hochglanz polierter Austin Healey, der Titelheld und seine Frau: Chlaus Lymbacher (Thomas Götz) und Anna Lymbacher (Yvonne Heuscher). (Bild: Reto Martin)

WEINFELDEN. Schiltenen, 1956. Ein Kaff. Die «Nidwaldner Volksstimme» hängt in der Beiz am Haken. Doch schon das Auto trägt vorne ein Schwyzer und hinten ein Thurgauer Nummernschild. Schiltenen, das wird schnell klar, gibt es nicht real und ist doch überall. Wie Kellers Seldwyla oder Dürrenmatts Güllen.

Im Schattental gestrandet

Ein auf Hochglanz polierter Austin Healey ist der ganze Stolz des Titelhelden (Thomas Götz). Ein Sportwagen der 1950er, dessen Heck die Neigung hatte, bei hohen Geschwindigkeiten unerwartet nach rechts auszubrechen. Und somit genau das tat, was Chlaus Lymbacher die ganze Zeit versucht: die «Verfolger» erfolgreich auszutricksen, indem er im vollen Lauf immer wieder Haken in Form von immer fantastischer klingenden Geschichten schlägt.

Lymbacher, einst Smutje auf einem Robbenfänger, ist es zu eng im Tal, wo es mehr Schatten als Sonne gibt. Vor drei Jahren ist er hier gestrandet. Verheiratet und Wirt einer kaum rentierenden Beiz, in der Rösti mit Spiegelei das Höchste der kulinarischen Gefühle ist und die Weinkarte aus «Huuswy» und «de Ander» besteht. Hauptsache, es gibt im Schattental Wein. Dass sein ewig nörgelndes Weib Anna (Yvonne Heuscher) ihn einen penetranten Lügner schimpft, macht das Gesöff auch nicht besser.

Die Korrekten veröden seelisch

Das gelungene Bühnenbild (Peter Affentranger) versprüht Tristesse pur: Rechts die schäbige Wirtsstube, im Hintergrund das Säli für die Parteiversammlung. Einzig der Austin Healey glänzt. Hinzu kommt ein kaltes, aber düsteres Licht (Licht: Joel Blaser, Günther Engler und Christian Stricker), das einen anfänglich erschaudert, dann schläfrig werden lässt. Wer hier lebt, kann gar nicht anders, als innerlich abzustumpfen.

Interessant ist, dass jene seelisch veröden, die als gesellschaftlich angesehen und/oder korrekt gelten: Anna Lymbacher, Schreinermeister Rüegg (Reto Meier), Parteipräsident Dr. Steiner (Heinz Wiederkehr), Dr. Burkert (Benjamin Heutschi) und Müller (Kurt Lauper). Jene aber, die bereitwillig an Lymbachers Fantasien glauben, sind die Aussenseiter im Dorf: die Serviertochter Vroni (Eva Wechsler), der Taglöhner Johann (Bernhard Frei) und Lymbacher selbst.

Die schauspielerischen Leistungen des Ensembles insgesamt sind ausgezeichnet. Vor allem die Tatsache, dass hier viele einmal Dialekt reden können, macht sich positiv bemerkbar. Hier können die Darsteller «menscheln», was allen Figuren eine beachtliche Tiefe verleiht.

«De Russ» kommt nicht

Dennoch zeigt es sich, dass die Frage «Was ist die Wahrheit?» sich nicht so leicht beantworten lässt, obwohl eines klar ist: Lymbacher lügt, um gut dazustehen, und die anderen sind korrekt und lassen sich blenden. Aber nachdem «de Russ» doch nicht kommt und das Lügengebilde Lymbachers ins Wanken gerät, ändert sich die Wahrnehmung.

Die lebensbejahenden Lügengeschichten sind plötzlich sympathischer als die Pedanterie eines Kleinbürgertums, dessen Korrektheit auch nicht durch ein Übermass an «Wahrheit» zustande gekommen sein mag. Eine Gefälligkeit hier, ein Kantonsratsmandat da – auch hier ist es wichtig, dass man etwas zu sein scheint. Solange das gelingt, ist es egal, ob man Lymbacher oder Dr. Steiner heisst. Das ist die Erkenntnis eines Abends, der einem noch länger im Gedächtnis haften bleiben dürfte. Wie das bei einer guten Geschichte halt oft der Fall ist. Ganz egal, ob sie wahr ist oder nicht.