Gurlitts Geschenk ist eine Last

Cornelius Gurlitt hat seinen Kunstschatz dem Kunstmuseum Bern vermacht. Freude kommt darüber nicht auf.

Roland Mischke
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Cornelius Gurlitt hat seinen Kunstschatz dem Kunstmuseum Bern vermacht. Freude kommt darüber nicht auf.

Gurlitt hat keine Ausbildung absolviert, sein Kunststudium abgebrochen, nie einen Beruf ausgeübt. Als sein Vater Hildebrand Gurlitt 1956 bei einem Autounfall starb, bestimmte seine Mutter, dass der Sohn die Sammlung ihres Mannes zu hüten hatte. Zunächst gemeinsam mit Tochter Benita. Aber nach dem Tod der Mutter 1968 und Benitas Heirat im selben Jahr war Cornelius Gurlitt allein zuständig für die Bilder. Mit einigen Verkäufen finanzierte er sein Leben, aber die meisten hortete er in seiner Wohnung im Münchner Schwabing. Der Auftrag der Mutter wurde seine Lebensaufgabe. Am Dienstag ist er mit 81 Jahren gestorben, jetzt wird über sein Testament diskutiert.

Nur noch im Bett gelegen

Dass er vergangenen November nach der Razzia und der Beschlagnahmung der knapp 1300 Kunstschätze über Nacht zu einem der meist gejagten Menschen der Welt wurde, verstand er, der stille Hüter, nicht. Er geriet in Panik, versteckte sich, tauchte wieder auf. Er sagte dem «Spiegel» gegenüber: «Freiwillig gebe ich nichts zurück, nein, nein.» Das war die Stimmung, in welcher der Herzkranke sich im Januar einer Operation unterzog. Sie schwächte ihn, verstärkte seine Einsamkeit und den Makel, seinen «Nazi-Schatz», wie die Blätter schrieben, nicht hergeben zu wollen. Nach dem Eingriff liess er sich zurückbringen in die Schwabinger Wohnung, dort soll er nur noch im Bett gelegen haben, bewacht von einem Detektiv und sehr schwach. Er bestellte den Testamentsnotar und vermachte die Sammlung dem Kunstmuseum Bern, mit dem er zuvor nie Kontakt und keine Beziehung gepflegt hatte.

Geistiger Zustand bleibt unklar

Angeblich soll ein Arzt dabei gewesen sein, als das Testament formuliert wurde. Inzwischen stellte sich heraus, dass es wohl ein Pfleger war. Und es ist unklar, ob Gurlitt sich noch im Besitz seiner geistigen Kräfte befand. Dass die Jahrhundert-Erbschaft nach Bern geht, damit hatte niemand gerechnet. Wenige Stunden nach Gurlitts Tod meldete sich Christoph Edel, sein Anwalt, beim Kunstmuseum Bern: Es sei von Gurlitt zur «unbeschränkten und unbeschwerten Alleinerbin» eingesetzt worden. Dort ahnte man wohl sofort, dass es mit den millionenschweren Kunstwerken, darunter Bilder von Matisse, Picasso, Chagall, Beckmann, Liebermann, Dix oder Nolde, «eine Fülle schwierigster Fragen» geben werde. Das Geschenk ist eine Last.

Obduktion angeordnet

Inzwischen hat die Staatsanwaltschaft München einen Beschluss erlassen: Gurlitt wird obduziert, seine Todesursache stehe nicht eindeutig fest. «Wir wollen damit klären, ob es Anhaltspunkte für ein Fremdverschulden gab», so die Staatsanwaltschaft. Denn es war «zum Todeszeitpunkt kein Arzt dabei».

Der Fall Gurlitt führt Justiz und Kunstwelt an Grenzen. Cornelius Gurlitt war Lichtjahre von normalen sozialen Beziehungen entfernt, erst spät muss in ihm die Erkenntnis gereift sein, dass nicht jedes seiner Bilder legitimes Eigentum war. Im März erklärte er sich zur Zusammenarbeit bereit, im April wurde das Verfahren gegen ihn eingestellt. Aber er hat das wohl alles, schon im Dämmer des Sterbens, kaum noch richtig mitbekommen. Nur die Sammlung sollte erhalten bleiben, das war der Wunsch des einsamen Hüters bis zu seinem letzten Atemzug.

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