Gullivers Erfinder Jonathan Swift war ein bitter-böser Satiriker

Mit schockierenden Vergleichen führte er seinen Zeitgenossen ihre eigene Idiotie vor Augen und entlarvt wohl auch Trump. Der berüchtigte Satiriker starb vor 275 Jahren.

Heiko Strech
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Gullivers Reisen - das bekannteste Buch von Jonathan Swift, ist viel mehr als ein Kinderbuch, sondern eine böse Satire auf die Engländer.

Gullivers Reisen - das bekannteste Buch von Jonathan Swift, ist viel mehr als ein Kinderbuch, sondern eine böse Satire auf die Engländer.

Duncan1890 / Digital Vision Vectors

«Die Menschen sind noch widerwärtiger, als sie sind.» Das ist einer der unübertroffen zugespitzten Sätze des britisch-irischen Satirikers Jonathan Swift (1667-1745). Sein vierteiliges Hauptwerk «Gullivers Reisen» (1726) zählt zu den klassischen Kinderbüchern. Allerdings ihrer bösen Satire-Spitzen beraubt. Auf der dritten Reise trifft Gulliver im Land Balnibarbi auf total durchgeknallte Wissenschafter. Einer will aus Gurken Sonnenstrahlen ziehen, ein anderer Eis zu Schiesspulver ausglühen. Da macht Swift sich lustig über die Royal-Society-Akademie.

Jonathan Swift.

Jonathan Swift.

Seine vierte Reise führt Gulliver zu edlen und vernunftbegabten Pferden mit dem Wieher-Namen «Houyhnhnms». Sie halten sich «Yahoos», Menschenkarikaturen, als Haus- und Arbeitstiere. Niemals, so Gulliver, habe er «ein so widerliches Tier gesehen». Diese Vertierung des Menschen zeigt Swifts Spezialtalent in der Synthese von Hohn und Fantasie. Seinem Houyhnhnms-«Herrn» erzählt Gulliver von daheim und liest dabei seinen Zeitgenossen gewaltig die Leviten. Die greifen tief hinein ins Heute. Weil wir Menschen uns offenbar nicht gross verändert haben.

Über das Züchten von Kindern gegen die Hungersnot

Jonathan Swift wurde 1667 in Dublin geboren. Er wuchs vaterlos auf. Seine Mutter überliess ihn einer Nurse und später einem Ziehvater in England – als Kind zweiter Klasse. Den Bachelor erhielt das rebellische Satire-Genie Swift nur «gnadenhalber». Er wurde Landpfarrer in Irland, schliesslich Dekan (Chefpastor) in Dublin. Den Pfarrer empörte das Elend in Irland, das England durch perfide Handelsgesetze und Wucherzölle aushungerte.

Der Titel seiner berühmtesten Satire lautet unverdächtig «Ein bescheidener Vorschlag, wie man verhindern kann, dass die Kinder der Armen ihren Eltern oder dem Lande zur Last fallen, und wie sie vielmehr eine Wohltat für die Öffentlichkeit werden können». In der Maske eines wohlmeinenden Zeitgenossen beschreibt Swift die Hungersnot in Irland. Er übernimmt angeblich die Idee eines Menschenfreundes, «dass ein junges, gesundes, gutgenährtes einjähriges Kind eine sehr wohlschmeckende, nahrhafte und bekömmliche Speise ist, einerlei, ob man es dämpft, brät, bäckt oder kocht.»

Verarmte Eltern würden so zu Baby-Züchtern, Mütter zu Menschenkühen – das gäbe beste Gewinnaussichten! Denn das zarte Kinderfleisch sei geschmacklich und damit auch ökonomisch dem Ferkelfleisch wohl weit überlegen.

Swift, anglikanischer Pfarrer von Beruf, bezeichnete den Teufel einmal bibeltreu als Vater der Lüge. Doch seine Schüler hätten ihn übertroffen. In «Die Kunst der politischen Lüge» schreibt der Autor: «Ein politischer Lügner braucht nur ein kurzes Gedächtnis; je nach den verschiedenen Anlässen, die ihm in jeder Stunde begegnen, muss er von sich selber abweichen und beide Seiten des Widerspruchs beschwören können. Er vergisst seine Lügen in einer Grosszügigkeit ohnegleichen und widerspricht sich folglich schon in der nächsten halben Stunde. Er hat sich niemals überlegt, ob ein Vorschlag oder eine Behauptung richtig oder falsch war, sondern nur, ob es im gegenwärtigen Augenblick oder bei der anwesenden Gesellschaft zweckdienlich wäre, zuzustimmen oder abzulehnen.»

Fällt einem da nicht ein prominenter Staatschef ein? Trump lügt unentwegt. Die «Washington Post» hat akribisch über 20000 Lügen seit seinem Amtsantritt notiert. Warum glauben ihm die Leute? Swift: «Wenn eine Lüge eine Stunde lang geglaubt wird, hat sie ihren Zweck erfüllt.» Indem seine Anhänger Trumps Lügen glauben wollen, belügen sie sich selbst.

Er lebte simultan mit zwei Frauen

Der Mann mit der allerspitzesten Feder schrieb aber auch zärtlich-verspielte Zeilen für Esther Johnson, die er «Stella» nannte. Hinzu kam heimlich «Vanessa», Esther Nr. 2 Vanhomrigh. Beide hätten den attraktiven und berühmten Mann gerne geheiratet. Er konnte sich nicht entscheiden, heisst es. Oder sei impotent oder latent schwul gewesen. Das sind so gewagte Rückschau-Diagnosen. Vielleicht wollte Swift sich nicht entscheiden zwischen Esther und Esther? Die Frauen litten jedenfalls. Sie starben vor ihm 1728 und 1723. Da litt er. Ritt nach Stellas Tod auf einem Pferd, Pardon, Houyhnhnm, verstört 500 Meilen kreuz und quer durch Irland.

Das Alter erwischte ihn grausam. Mit schwerer Innenohrerkrankung, Taub- und Blindheit, Gicht. Ein Schlaganfall liess ihn vor seinem Tod 1745 drei Jahre lang stumm dahindämmern. Früh verfasste er den Spruch für seinen Grabstein: «Hier ruht der Leib von Jonathan Swift, wo wilde Verbitterung sein Herz nicht mehr zerreissen kann.» Sein Vermögen stiftete er einem «Irrenhospital».

Man hat Jonathan Swift einen Misanthropen genannt. Irrtum. Satiriker wollen eine bessere Welt. Swift war ein Moralist. Mit Grimasse. Goethes Zeitgenosse Johann Gottfried Herder schrieb: «In der Gebärde eines Menschenfeindes durch kalte Vernunft war er ein tätiger Freund der Menschheit.»