Guggisberg ohne Filzpantoffeln

Im Rahmen des Bodenseefestivals realisierte das Amar Quartett in der St. Galler Stiftsbibliothek die Uraufführung des 2. Streichquartetts von David Philip Hefti.

Martin Preisser
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Im Rahmen einer Uraufführung von Geräuschen zu sprechen, die an den Zahnarzt erinnern, darf wirklich nur der Komponist selbst. David Philip Hefti tat's humorvoll bei der Einführung in sein 2. Streichquartett «Guggisberg-Variationen», das als Auftragswerk des Amar Quartetts bereits an Kompositionswettbewerben prämiert wurde. Der Vergleich mit dem Zahnarzt war natürlich übertrieben, wenngleich Hefti eine Variation über das bekannte Volkslied Geräuschen widmet, die ein Streichquartett jenseits normaler Klanggebung erzeugen kann.

Volkslied maskiert

In Filzpantoffeln sass man in der Stiftsbibliothek, ohne Filzpantoffeln kommt dieses Streichquartett daher, heisst: Nach dem Thema des Berner Volksliedes ging David Philip Hefti auf eine nie weich verpackte Spurensuche, welche die Idylle des Liedes aber nicht zerstört oder karikiert, sondern mit konzentrierten Klangideen sozusagen zerlegt. Hefti, vor einigen Wochen in St.

Gallen in der Contrapunkt-Reihe bereits mit seinem Violinkonzert aufgefallen, maskiert die Volkslied-Idee intelligent. In der ersten der sechs Variationen legt er um den Grundton streicherische Cluster, geht dann mit einem reinem Pizzicato-Stück in die Sphäre des Geheimnisvollen. In der Variation «Lichtkegel» mit reinen Flageolett-Tönen wirft er eben zeitgenössisches kompositorisches Licht auf das Guggisberg-Lied, er hinterfragt die Idylle. Und erfreulicherweise ironisiert er diese weder noch demontiert er sie.

Idylle modern weitergedacht

Heftis Ansatz ist eher der eines geistvollen Weiterdenkens der Grundstimmung des Liedes, ja er komponiert fast so etwas wie eine avantgardistische Idylle. Wenn er in der nächsten Variation «Schattenriss» nur Geräusche verwendet, gibt es da genaue Bezüge zum nachempfundenen menschlichen Atmen. «Idylle» heisst die vorletzte Variation, in der Mikrointervalle zum Einsatz kommen, mit denen Hefti via moderne Klangsprache durchaus Verspieltes hineinbringt.

Hier wie in der letzten Variation wird das Volkslied-Grundmaterial, ohne dass man es nochmals direkt hört, weitergedacht. Der Zürcher Komponist präsentierte sich als Tonsetzer, der über genaues, klares Handwerk verfügt und den Guggisberg-Stoff zwar radikal, aber dennoch nachvollziehbar angeht.

Luzide Klassik und Romantik

Mit dem Amar Quartett hatte das Hefti-Streichquartett einen für Moderne hervorragend eingespielten Anwalt. Unter dem Strich des Quartetts wird Moderne spannend und ereignisreich.

Als Gäste des Bodenseefestivals waren die Amars zu Robert Schumann im Gedenkjahr «verpflichtet». Sein Streichquartett A-Dur op. 41,3 wurde mit angenehm verhaltener Romantik gespielt. Geschult in Moderne zeigte das Amar Quartett plastisch die Strukturen auf. Und mit Beethovens Opus 18,6 gelang eine jeder Schwerfälligkeit enthobene, objektive Darstellung, wobei auch hier das Emotionale weniger wichtig schien als das luzid Durchhörbare der Partitur.