Guezle mit Joachim Rittmeyer

Der in Basel lebende St. Galler Kabarettist Joachim Rittmeyer präsentiert in der Kellerbühne sein Programm «Teigresten». Ein Gespräch über das Entstehen von Kabarettnummern – von der Zuckerwatte bis zum Einlaufen von Schuhen.

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Joachim Rittmeyer (hier im Mai 2011 bei einem seiner letzten St. Galler Auftritte): Arbeiten mit dem Zuckerwattenprinzip. (Bild: Urs Bucher)

Joachim Rittmeyer (hier im Mai 2011 bei einem seiner letzten St. Galler Auftritte): Arbeiten mit dem Zuckerwattenprinzip. (Bild: Urs Bucher)

Herr Rittmeyer, Ihr Programm «Teigresten» besteht aus Texten, die keinen Eingang in Ihre Solostücke gefunden haben, wie es in der Ankündigung heisst. Sie bestreiten also einen Abend mit Ausschussmaterial?

Joachim Rittmeyer: Ich würde eher Edeljoker sagen. Es ist ähnlich wie beim Sport: Wenn Sie zwei Spieler für die gleiche Position haben, muss einer auf die Ersatzbank, obwohl er Qualitäten hat. Die Teigresten beim Guezle sind aus derselben Substanz wie die Guezli, sie fallen einfach ausserhalb der Stanzform an. Solche Nummern, die nicht in meine Stücke gepasst haben, zeige ich nun. Weil es schade wäre, sie wegzuwerfen.

Wie gehen Sie ans kabarettistische Teigkneten und Ausstechen heran?

Rittmeyer: Am Anfang ist eine diffuse Idee. Das ist wie eine Spinne, die sich an ihrem Faden abseilt und spürt: Der Raum ist gut, da komme ich auf meine Rechnung. Sie kann sich auf ihr Gespür verlassen. Mir geht es ähnlich: Wenn mich ein Gedanke packt, dann ist auch etwas dahinter. Das heisst allerdings nicht, dass es mir nicht manchmal doch Angst macht zu wissen: Dann oder dann muss ein neues Programm stehen.

Setzen Sie als erstes das Thema?

Rittmeyer: Früher bin ich eher von einem Thema ausgegangen. Heute beginne ich eher mit einer Situation, die prägend ist zwischen Saal und Bühne. Das weitere Entstehen des Programms funktioniert dann nach dem Zuckerwattenprinzip. Sie haben den Stiel, mit der Zeit bleibt daran immer mehr hängen. Und zwischendurch muss man etwas zurechtschneiden.

Denken Sie da schon an Ihre Figuren, den Metzler oder den Brauchle?

Rittmeyer: Ich stelle mir die Frage, ob die vertrauten Figuren aus ihrer Perspektive etwas zu sagen haben, ob sie in der Konstellation des Stücks berechtigt sind, ja.

Wo arbeitet der Kabarettist? Am Schreibtisch? Beim Spazieren?

Rittmeyer: Wenn erst eine Wolke da ist und ich die Struktur noch nicht sehe, dann kann ich überall darüber nachdenken. Um ein schon konkreteres Stück dann in eine Form zu bringen, ziehe ich mich zurück.

Sie haben eine Arbeitsklause?

Rittmeyer: Wir haben ein Haus im Jura. Obwohl es nur eine halbe Stunde von Basel entfernt ist, bin ich da ein bisschen weg vom Sog der Stadt, das tut mir gut. Kommt dazu, dass da Französisch gesprochen wird, das gibt eine andere kulturelle Atmosphäre. Das regt mich an. Ich habe einmal mit Victor Giacobbo in Delsberg abgemacht, da war er ganz erstaunt, dass sich die Leute auf der Strasse nicht nach ihm umdrehten.

Sie haben ihn nicht erkannt?

Rittmeyer: Nein. Sie schauen andere Fernsehkanäle. Sie wissen nichts von uns, und wir wissen nichts von ihnen.

Wenn ein Stück Premiere gehabt hat: Steht es dann für den Rest der Tournée oder feilen Sie aufgrund der Reaktionen des Publikums weiter daran?

Rittmeyer: Eigentlich steht es. Klar kann es Änderungen im Feinbereich geben. Es ist vergleichbar mit dem Einlaufen eines Wanderschuhs. Der wird mit der Zeit weicher. Ich habe einen Begleiter, der mich auch darauf hinweist, wenn ich zu viele Konzessionen mache. Es ist nicht immer gut, auf das Publikum einzugehen. Das kann auch dazu führen, dass die Figuren ihre Konturen verlieren.

Guezle, Zuckerwatte, Schuhe einlaufen: Sie brauchen im Gespräch wunderbar griffige Bilder. Ist das auch das Geheimnis des Kabarettisten auf der Bühne?

Rittmeyer: Ich denke schon, dass das wichtig ist. Es geht darum, dass alle im Saal, egal wie alt oder wie gebildet, an der Fahrleitung angeschlossen werden.

Interview: Beda Hanimann