Günter Grass ist tot

Mit der "Blechtrommel" schrieb Günter Grass Weltliteratur, als gesellschaftspolitischer Moralist erregte er Widerspruch. Am Montag ist der grosse deutsche Nachkriegsautor und Nobelpreisträger mit 87 Jahren in Lübeck gestorben - an einer Infektion.

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Günter Grass im Oktober 2014 nach der Beerdigung seines Schriftstellerkollegen Siegfried Lenz. (Bild: Keystone)

Günter Grass im Oktober 2014 nach der Beerdigung seines Schriftstellerkollegen Siegfried Lenz. (Bild: Keystone)

Das teilte das Günter Grass-Haus am Montag in Lübeck mit. Weitere Informationen lägen ihr noch nicht vor, sagte eine Sprecherin. Das Museum veröffentlichte zum Tode des Autors auf seiner Homepage das Grass-Gedicht "Wegzehrung": "Mit einem Sack Nüsse will ich begraben sein und mit neuesten Zähnen. Wenn es dann kracht, wo ich liege, kann vermutet werden: Er ist das, immer noch er."

Welterfolg "Blechtrommel"
Grass galt als einer der weltweit bedeutendsten deutschen Autoren der Gegenwart. Lebenslang schaltete er sich leidenschaftlich in gesellschaftspolitische Debatten ein. Gleich sein erster, 1959 erschienener Roman "Die Blechtrommel" geriet zum Welterfolg. 40 Jahre später wurde Grass für sein Gesamtwerk mit dem Literaturnobelpreis geehrt.

"Wiedergeburt des deutschen Romans"
"Die Blechtrommel" brachte dem gebürtigen Danziger auch international den Durchbruch. Sie gehört zu den wichtigsten Romanen der deutschen Nachkriegsliteratur und gilt als Jahrhundertwerk. Das Nobelpreis-Komitee nannte das Buch die "Wiedergeburt des deutschen Romans im 20. Jahrhundert". Grass erzählt darin von den Erlebnissen des aus Danzig stammenden Oskar Matzerath, der mit drei Jahren beschliesst, sein Körperwachstum einzustellen.

So kannte man Günter Grass: Umgeben von Büchern und mit Pfeife im Mund. (Bild: Keystone)
19 Bilder
Günter Grass an der Beerdigung des Schriftstellers Max Frisch 1991 in Zürich. Rechts von ihm ist Siegfried Unseld vom Suhrkamp-Verlag. (Bild: Keystone)
Günter Grass (hier mit Adolf Muschg und Max Frisch) engagierte sich auch in der Schweiz politisch. Hier im überparteilichen Wahlkampfkommittee für die Wahl des Schriftstellers Adolf Muschg 1975 im Volkshaus Zürich. (Bild: Keystone)
Bundeskanzler Willy Brandt unterhält sich 1970 mit den Schriftstellern Erich Kästner und Günter Grass. (Bild: Keystone)
Der stolze Grossvater: Günter Grass zeigt seiner Enkelin Rosanne den Literaturnobelpreis, den er 1999 gewonnen hat. (Bild: Keystone)
Günter Grass 1965 in Berlin. (Bild: Keystone)
Günter Grass als Tänzer: 2003 bei der Frankfurter Buchmesse mit einer Tänzerin der Gruppe Funny Valentine nach der Premiere seines neuen Buches "Letzte Tänze". (Bild: Keystone)
Gerhard Schröder, Willy Brandt und Günter Grass bei einer SPD-Wahlkampfveranstaltung im Juni 1985 in Dannenberg. (Bild: Keystone)
Im Januar 1988 liest Günter Grass in Zürich zur Musik von Günter "Baby" Sommer aus seinen Werken "Die Blechtrommel" und "Die Rättin". (Bild: Keystone)
Die Schriftsteller Wolfgang Hildesheimer (links) und Günter Grass nehmen 1991 an der Abdankungsfeier für Max Frisch teil. (Bild: Keystone)
Günter Grass mit seiner Frau Ute Grunert bei einem Anlass 2012 in Lübeck. (Bild: Keystone)
Der Roman "Die Blechtrommel" machte Grass über Nacht weltberühmt. 1979 wurde das Buch mit Andrea Ferreol und David Bennent verfilmt. Volker Schlöndorff führte die Regie. (Bild: Keystone)
Noch am 14. März 2015 präsentierte Günter Grass an der Leipziger Buchmesse das Buch "Freipass" mit Texten von verschiedenen Autoren. (Bild: Keystone)
Günter Grass als Aktivist: 2007 nahm er in Dresden an einer Demonstration für die Erhaltung des Titels "Unesco Welterbe Dresdner Elbtal" teil. (Bild: Keystone)
Der Skandal: 2006 kam heraus, dass Günter Grass Mitglied der Waffen SS war. Hier präsentiert Peter Gerhardt, von der "Deutschen Dienststelle", das Personalblatt von Grass während seiner Zeit in US-Gefangenschaft in Berlin. (Bild: Keystone)
Max Frisch und Günter Grass 1977 bei der Versammlung der SPD in Hamburg. (Bild: Keystone)
Günter Grass und Willy Brand nach einer Wahlveranstaltung der SPD in Bayreuth (1965). (Bild: Keystone)
Günter Grass im März 2015 auf der Bühne in Hamburg. Hier bei der Premiere der Theater-Adaption seines Buchs "Die Blechtrommel". (Bild: Keystone)
Auch als Zeichner und bildender Künstler machte sich Günter Grass einen Namen. Hier eine Bronzestatue von Grass mit dem Titel "Das grosse tanzende Paar". (Bild: Keystone)

So kannte man Günter Grass: Umgeben von Büchern und mit Pfeife im Mund. (Bild: Keystone)

Auch Zeichner und Bildhauer
Das Erscheinen des Bildungs− und Schelmenromans rief in der Bundesrepublik manche Sittenwächter auf den Plan, die sich an den teils deftigen erotischen Szenen störten. Seit den "Buddenbrooks" von Thomas Mann habe kein Erstling einen derartigen Aufruhr verursacht, befand das Nobelpreiskomitee. Die Verfilmung des deutschen Regisseurs Volker Schlöndorff wurde 1980 mit dem Oscar für den besten ausländischen Film ausgezeichnet.

Der zuletzt in Behlendorf bei Lübeck lebende Grass hatte nach dem Krieg eine Steinmetzlehre gemacht und in Düsseldorf und Berlin Kunst studiert; er war Bildhauer und Grafiker. Er zeichnete auch und schrieb Gedichte. "Die Blechtrommel" bildet zusammen mit der Novelle "Katz und Maus" (1961) und dem Roman "Hundejahre" (1963) die sogenannte Danziger Trilogie. Weitere wichtige Werke sind die Novelle "Aus dem Tagebuch einer Schnecke", die Romane "Der Butt" (1977) und "Die Rättin" (1986), das skandalumrankte Buch "Ein weites Feld" (1995) sowie die Novelle "Im Krebsgang" (2002).

SS-Vergangenheit
Fast ein halbes Jahrhundert nach der "Danziger Trilogie" schrieb Grass seine "Trilogie der Erinnerung" mit drei autobiografischen Bänden. Der erste, "Beim Häuten der Zwiebel", sorgte 2006 für manchen Aufschrei. Überraschend machte Grass öffentlich, dass er als 17-Jähriger am Ende des Zweiten Weltkriegs Mitglied der Waffen-SS war. Dem Autor wurde vorgeworfen, seine SS-Zugehörigkeit zu lange verschwiegen zu haben, während er andere immer wieder wegen ihrer NS-Vergangenheit öffentlich kritisiert habe.

Gesellschaftskritik
In der Bundesrepublik engagierte sich Grass schon seit den 1960er Jahren als Gesellschaftskritiker. Er warb in Wahlkämpfen für die SPD. Aus Protest gegen deren Asylpolitik trat er 1992 zwar aus der Partei aus, blieb ihr aber bis zuletzt verbunden. Früh setzte er sich auch für eine deutsch-polnische Verständigung und für den Verzicht auf die ehemaligen deutschen Ostgebiete ein. Immer wieder löste er heftige Kontroversen aus, zuletzt 2012 wegen eines Israel-kritischen Gedichts. Das Gesamtwerk des Literaturnobelpreisträgers ist im Göttinger Steidl Verlag erschienen.(sda)

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