GRUSSKARTEN: Neujahrsgrüsse mit übermalten Postkarten

Sibylle Badertscher verschenkt 365 Neujahrsgrusskarten. Wer eine Karte der Trogner Künstlerin haben möchte, muss lediglich mit einem frankierten Couvert zur Ausstellung im Palais Bleu in Trogen kommen.

Nina Rudnicki
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Sibylle Badertscher mit einem Stapel Karten. (Bild: Hanspeter Schiess)

Sibylle Badertscher mit einem Stapel Karten. (Bild: Hanspeter Schiess)

«Ich arbeite gerne mit etwas, das schon eine Geschichte, Spuren hat», sagt Sibylle Badertscher. Die Künstlerin nimmt einige von ihr gestaltete Neujahrsgrusskarten aus einer Box und stapelt sie auf die Bar im Untergeschoss des Palais Bleu in Trogen. Die Motive reichen von Blumen, Vögeln und Bergspitzen über Gesichter und Gestalten bis hin zu abstrakten Mustern. Oft schimmern Umrisse und Farben der ursprünglichen Karte hervor. Jede der Neujahrsgrusskarten war einmal eine Postkarte, die ihr zugeschickt wurde und die sie gesammelt hat. 365 Stück hat Sibylle Badertscher im vergangenen Jahr unter anderem mit Kugelschreiber, Farb- und Bleistift, Ölfarbe und Tusche über- und bemalt. Ab heute bis Sonntag stellt sie die Karten im Palais Bleu in Trogen aus. Danach verschickt sie die Karten an die Ausstellungsbesucherinnen und -besucher. Einzige Bedingung ist, dass diese in den Palais Bleu kommen, eine Karte auswählen und entweder selbst ein frankiertes und adressiertes Couvert mitbringen oder eines bei ­Sibylle Badertscher kaufen. «Die Tradition der Weihnachts- und Neujahrskarten lebt davon, dass diese verschenkt werden», sagt die 58-Jährige. «Meine Ursprungsidee war daher, die Karten nicht zu verkaufen. Wer mehr als die geschenkte Karte möchte, kann weitere dazukaufen.»

Schon ihr Grossvater war Stickereizeichner

Sibylle Badertscher lebt und arbeitet seit rund zehn Jahren im Palais Bleu. Es handelt sich dabei um eine Genossenschaft für Wohnen und Arbeiten im alten Spital Trogen, die sich der Kultur und Kunst verschrieben hat. Im Erdgeschoss befindet sich das Nähatelier von Sibylle Badertscher. Dort entwirft sie eigene Kleider und gibt Nähkurse. «Ich habe von klein auf gerne gemalt, gebastelt und genäht», sagt sie. Für ihre Ausbildung als Lehrerin für textiles Gestalten zog sie von Rapperswil-Jona nach St. Gallen. Später gründete sie in der St. Galler Altstadt zusammen mit einer Kollegin das Schneideratelier Glagg und arbeitete als Lehrerin. «In meinen Bildern sieht man oft meine Affinität zu Textilien. Meine Nähereien bezeichne ich gerne als Malen mit Stoffen», sagt sie. Auch viele ihrer Neujahrsgrusskarten erinnern in Muster und Struktur an Stoffe.

Ihre Begeisterung für das Malen wiederentdeckt hat sie Ende Dreissig, als einer ihrer beiden Söhne den Vorkurs für Gestaltung absolvierte. Davon inspiriert besuchte Sibylle Badertscher den Vorkurs für Erwachsene. Künstlerisches Geschick liegt in der Familie. Schon ihr Grossvater arbeitete als Stickereizeichner. Und ihre Söhne Armando und Dario Forlin sind Modedesigner und ­Illustrator. Sind alle Neujahrsgrusskarten verschickt, will Sibylle Badertscher ein neues Projekt angehen. «Eigentlich braucht es Lücken zwischen zwei Ideen, aber ich träume schon lange davon, eine Ausstellung in einer Badi zu machen», sagt sie. Dann zieht sie in ihrem Atelier zwischen Stoffen, Nähmaschinen und Garnrollen eine Zeichnung hervor, die Badegäste an einem Schwimmbecken zeigt. «Vielleicht ergibt sich das im neuen Jahr. Die Bilder dazu habe ich schon gemalt.»

Nina Rudnicki

ostschweizerkultur@tagblatt.ch

Fr, 18–21 Uhr; Sa, 15–18 Uhr; So, 11–14 Uhr, Palais Bleu, Kantonsschulstrasse 6, Trogen.

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