Gruss mit dem Fuss und künstlerisches Abstandhalten: Auf der Suche nach Kultur in St.Gallen und Frauenfeld, die trotz allem noch stattfindet

Das Corona-Virus hat das Ostschweizer Kulturleben innert weniger Tage lahmgelegt. Ein Rundgang durch St.Gallen und Frauenfeld.

Roger Berhalter
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Jugendliche der Theatergruppe «Die Kulturkosmonauten» während ihrer Performance im St.Galler Kulturkonsulat.

Jugendliche der Theatergruppe «Die Kulturkosmonauten» während ihrer Performance im St.Galler Kulturkonsulat.

Bild: Michel Canonica

Samstagabend kurz vor 20 Uhr. Zwar herrscht im St.Galler Stadtzentrum nicht gerade tote Hose, doch es ist deutlich ruhiger als sonst. Nur wenige Menschen in den Bussen, nur wenige Autos auf den Strassen, nur etwas Jungvolk zu Fuss unterwegs. Die Menschen üben sich im Abstandhalten, nur die Alkis am Bohl hocken eng nebeneinander auf dem Bänkli wie immer.

Das Corona-Virus hat das Ostschweizer Kulturleben innert weniger Tage lahmgelegt. Seit der Bundesrat am Freitag das Veranstaltungsverbot verschärfte, hagelt es Absagen von Veranstaltern. Das Theater St.Gallen macht bis Ende April dicht, das Literaturfestival Wortlaut fällt ins Wasser, ebenso das Festival «tanz:now» in Steckborn – und das sind nur wenige von unzähligen Beispielen.

Die Risikogruppe trinkt Corona aus der Flasche

«Findet heute statt!», steht auf einem Plakat am Eingang des Kulturkonsulats an der Frongartenstrasse. Tatsächlich: Hier findet an diesem Abend noch Kultur statt. Die letzte Ausgabe der Reihe «Épisodes Culturels» der Kulturvermittlerin Ann Katrin Cooper und des Tänzers Tobias Spori.

«Wir haben uns entschieden, den Anlass durchzuführen», sagt Spori. Er begrüsst die Gäste statt mit der Hand mit dem Fuss, und die Musik-, Theater- und Tanzperformance wird als Live-Stream auf Facebook übertragen. «Für all jene, die nicht persönlich vorbeikommen wollen», sagt Spori. Es sind trotzdem rund 50 Leute erschienen. Ein Gast, eindeutig der Risikogruppe zuzuordnen, trinkt Corona-Bier aus der Flasche.

Die letzte Ausgabe der «Épisodes Culturels» im St.Galler Kulturkonsulat ist eine Musik-, Theater- und Tanzperformance, welche die Besucherinnen und Besucher vom Keller bis hinauf zur Dachterrasse führt.

Die letzte Ausgabe der «Épisodes Culturels» im St.Galler Kulturkonsulat ist eine Musik-, Theater- und Tanzperformance, welche die Besucherinnen und Besucher vom Keller bis hinauf zur Dachterrasse führt.

Michel Canonica

Elf Kinder im Puppentheater in Frauenfeld

Doch, die Zuschauerinnen und Zuschauer kommen. Ein bisschen mehr Kleine als Grosse. Am Samstagmittag wollen sie das Puppenspiel «Zugvögel» anschauen, ein Gastspiel des Figurentheaters Lupine aus Biel. Vielleicht ist es die letzte Veranstaltung im Theatersaal des Eisenwerks Frauenfeld für längere Zeit – so fühlt es sich zumindest an.

Während landauf landab eine Kulturinstitution nach der anderen schliesst, trudeln am Samstag ein gutes Dutzend Besucherinnen und Besucher ins Eisenwerk. Die Veranstalterinnen lassen einen unterschreiben, dass man keinen Husten hat und nicht in Italien war. Man habe überlegt, ob das Gastspiel stattfinden soll. Doch die Puppenspielerin hatte am Freitag im Eisenwerk schon Schulvorstellungen gegeben, das Bühnenbild steht, und noch seien solche Veranstaltungen erlaubt.

Die Besucherinnen (es sind nur Frauen mit Kindern gekommen) finden nichts dabei, ins Theater zu gehen, obwohl ab Montag Schulen und Kindergärten geschlossen sind. «Wir sind gesund», sagt eine Mutter. Die Medien sollten nicht so eine Hysterie verbreiten. Eine andere sagt, sie habe sich mit ihrer Nichte schon so lange auf diese Aufführung gefreut. Es gebe keinen Grund, sie nicht zu besuchen.

Elf Kinder, zehn Frauen verteilen sich in den Reihen. Das Licht dunkelt ein, die Spielerin tritt auf, und die Magie des Theaters umfängt einen. Und klar, es macht einen Unterschied, ob man einen Youtube-Film schaut oder im Theater sitzt. Am Samstagnachmittag fühlt es sich trotzdem falsch an. (miz)

Die Performance der letzten «Épisodes Culturels»-Veranstaltung beginnt draussen vor der Tür. Eine junge Frau markiert den Boden mit pinkem Klebeband und platziert die Besucherinnen und Besucher um, bis alle genügend Abstand zueinander haben. Social Distancing, künstlerisch umgesetzt, aus aktuellem Anlass. Wobei es beim anschliessenden Rundgang durch das Konsulatsgebäude, vom Keller bis zur Dachterrasse, wieder deutlich enger zu und her geht. Am Schluss dankt Ann Katrin Cooper den Besuchern dafür, «dass ihr so mutig wart zu kommen».

Die Performance beginnt draussen vor dem Kulturkonsulat.

Die Performance beginnt draussen vor dem Kulturkonsulat.

Bild: Michel Canonica

Es ist inzwischen nach 22 Uhr. Manche Restaurants bleiben an diesem Abend geschlossen, an der Metzgergasse hängt ein Barkeeper am Handy, weil er keinen Gast zu bedienen hat. Feierstimmung kommt höchstens an der Ecke Engel- und Augustinergasse auf, wo Stimmengewirr und Musik in der Luft liegen. Ein junger Mann teilt sein Desinfektionsmittel mit zwei Freunden: «Langsam! Ich hab nicht mehr viel.»

Kultur trotz Corona: Vier Beispiele, wie Veranstalter in der Stadt St.Gallen auf das Virus reagieren

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Roger Berhalter, Christina Genova, Bettina Kugler, Julia Nehmiz

Letzte «Episode Culturel» in St.Gallen

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Bettina Kugler