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Grossmutter hat noch Pläne

Zwölf Jahre nach ihrer letzten Platte kehrt Loretta Lynn auf «Full Circle» mit neuer Musik zurück. Und das nicht von ungefähr, denn die 83jährige Country-Legende will erst zu singen aufhören, wenn sie unter der Erde liegt.
Michael Gasser
Die Country-Legende Loretta Lynn liebt eine extravagante Garderobe. (Bild: ap/Donn Jones)

Die Country-Legende Loretta Lynn liebt eine extravagante Garderobe. (Bild: ap/Donn Jones)

Ende der 80er-Jahre begann sich Loretta Lynn aus dem Showbusiness zurückzuziehen, um ihren kranken Gatten zu pflegen. Doch auch als Oliver Lynn 1996 nach 48jähriger und turbulenter Ehe starb, begab sich die Country-Ikone nur sporadisch ins Rampenlicht. 2004 veröffentlichte sie ihr bislang letztes Album, «Van Lear Rose». Jetzt, über eine Dekade später, tritt sie mit «Full Circle» an.

Lynn, die Tochter eines Bergarbeiters aus Kentucky, wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf. Mit 15 war sie verheiratet und keine fünf Jahre später vierfache Mutter. Aus Geldmangel kleidete sie sich und ihren Nachwuchs im Laden der Heilsarmee ein. Als Lynn 1953 von ihrem Mann eine 17-Dollar-Gitarre geschenkt bekam, wendete sich ihr Schicksal. Sie erlernte das Instrument in Eigenregie, und sieben Jahre später spielte sie ihre erste Single «I'm A Honky Tonk Girl» ein.

Robuste Arbeitermilieu-Songs

Zwar liess der Durchbruch noch auf sich warten, doch immerhin konnte sie sich die ersten High Heels leisten. «Ich war die ganze Nacht auf und versuchte, in den Dingern zu gehen. Nur um ständig umzufallen», erinnerte sie sich gegenüber der US-Musikzeitschrift «Billboard». Beim nächsten Auftritt wagte sich Lynn gleichwohl in den goldfarbenen Schuhen auf die Bühne. Und schwankte. «Die Leute hatten das Gefühl, ich sei betrunken.» Also entledigte sie sich ihrer und sang barfuss. «Ein guter Moment.»

Lynns grosse Zeit begann nach 1967 – mit Hits wie «You Ain't Woman Enough», «Fist City» oder «Coal Miner's Daughter». Die robusten Songs der Musikerin waren häufig im Arbeitermilieu angesiedelt und erzählten von fremdgehenden Männern, frechen Geliebten oder erneuter Schwangerschaft («One's On The Way»). In den Texten steckt stets viel von ihrem eigenen Leben.

Mit ihrer ebenso schwungvollen wie selbstbewussten Stimme knöpfte sie sich Themen vor, die in den 60er-Jahren noch tabuisiert waren: wie die Pille oder die unterschiedlichen Moralstandards für Männer und Frauen. Mit dem Ergebnis, dass sich viele Country-Radiostationen weigerten, ihre Singles aufzulegen. «Damals wurden die Frauen noch unterdrückt», schrieb Lynn – die sich allerdings nie als Feministin verstand – in ihren 2002 erschienen Memoiren «Still Woman Enough».

Luftige Arrangements

Im Verlaufe ihrer Karriere hat die heute 83-Jährige an die 45 Millionen Platten verkauft und über 55 Alben aufgenommen. Zusammen mit ihrer Band, der drei ihrer Sprösslinge angehören, gibt sie nach wie vor Konzerte. Ans Aufhören habe sie nie gedacht: Erst wenn sie unter der Erde liege, werde man behaupten können, dass Loretta Lynn zu singen aufgehört hat. «Das tönt vielleicht ein bisschen morbid, aber so ist es.» Dass sich die 21fache Grossmutter (Stand 2014) ihrer Sterblichkeit bewusst ist, drückt auf «Full Circle» durch: Lynn singt «Who's Gonna Miss Me?» und fragt sich, wer sie nach ihrem Ableben überhaupt vermissen werde. Und klingt dabei eher neugierig als rührselig. Produziert wurden die 14 Stücke von Tochter Patsy Lynn Russell und John Carter Cash, dem Sohn von Johnny Cash. Sie haben ihr einen sparsamen Sound verschrieben. Entsprechend luftig sind die Arrangements.

Wie ein Wohnzimmerauftritt

Mit dem Walzer «Whispering Sea» oder mit dem von Mandoline und Banjo angetriebenen Folk-Traditional «In The Pines» besucht Lynn nicht zuletzt ihre eigene musikalische Vergangenheit. Die Künstlerin, deren Flair für eine ebenso farbenfrohe wie extravagante Garderobe anhält, geht sowohl ihr altes wie auch ihr neues Material relaxed an. Als Hörer hat man das Gefühl, einem lockeren und doch konzentrierten Wohnzimmerauftritt beizuwohnen. Das zeugt von der Gewieftheit und Klasse der sogenannten First Lady of Country Music. Weil sich diese – wie das einfühlsame Duett «Everything It Takes» mit Elvis Costello belegt – stimmlich weiterhin auf der Höhe befindet, darf man sich auf weitere Veröffentlichungen freuen. Schliesslich hat Loretta Lynn vor wenigen Monaten einen Vertrag für gleich mehrere Platten unterzeichnet.

Loretta Lynn: «Full Circle» (Legacy Records/Sony)

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