Grosses Kino aus zwei Noten

John Williams zählt zu den erfolgreichsten Filmkomponisten der Gegenwart. Der TV-Sender Arte strahlt ein Galakonzert mit Werken von Williams aus. Und das Sinfonieorchester St. Gallen spielt am 4. Juni das Konzert «Greatest Film Hits».

Andreas Stock
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Der 83jährige John Williams dirigiert die Zugabe am Galakonzert zu seinen Ehren in Los Angeles. (Bild: wdr/Craig T. Mathew)

Der 83jährige John Williams dirigiert die Zugabe am Galakonzert zu seinen Ehren in Los Angeles. (Bild: wdr/Craig T. Mathew)

Zwei Noten, die Filmmusik-Geschichte geschrieben haben. Das brillante Motiv, das einen herannahenden Hai suggeriert – ein stampfendes Ostinato von tiefen Streichern –, ist wohl neben den Streicher-Glissandi von Bernard Herrmann aus Hitchcocks Duschszene in «Psycho» die berühmteste Horrorfilm-Musik. John Williams Soundtrack für «Der weisse Hai» (1975) zeigt auf beispielhafte Weise zwei Dinge: Erstens, wie wirkungsvoll Musik für einen Film sein kann – das Hai-Thema kennen selbst Leute, die den Film nie gesehen haben. Zweitens, wie manchmal für ein einprägsames Leitmotiv zwei Noten genügen können.

Vertonte Architektur

In der «John Williams Gala», die Arte am Sonntag ausstrahlt, unterhält sich Dirigent Gustavo Dudamel zwischen dem Konzertmitschnitt mit dem legendären US-Komponisten auch genau darüber: wie manchmal zwei Noten ausreichen. Sie sprechen aber nicht über «Jaws», sondern über «Schindlers Liste» (1994). Denn dessen Leitthema – im Konzert aus der Walt Disney Concert Hall wie auf dem Soundtrack gespielt vom israelischen Geiger Itzhak Perlman – beruht ebenfalls auf einem Zwei-Noten-Motiv. Auch hier entfaltet sich aus einer schlichten Melodie eine Komposition von grosser emotionaler Kraft.

Für über 80 Filme hat John Williams bisher die Musik komponiert, dazu kommen Solo- und Orchesterwerke. In der Konzertaufzeichnung sind zwei davon zu hören: «Soundings», das er zur Eröffnung der Disney Concert Hall schrieb – und sich im Instrumentarium an der Stahlkonstruktion von Architekt Frank Gehry orientiert. Sowie das prunkvolle Fanfarenstück, komponiert zur Eröffnung der Olympischen Spiele von 1984 in Los Angeles.

Newman, Herrmann, Tiomkin

John Williams, einer der weltweit populärsten Filmkomponisten der Gegenwart, rutschte fast zufällig ins Metier. «Noch als Teenager kam es mir nicht in den Sinn, dass ich Filmkomponist werden würde», erzählte er in einem Interview. Mitte der 1950er-Jahre spielte er als Pianist in Jazzbands, sass aber auch für Studio- und Filmorchester am Flügel. Da habe er angefangen, Interesse an Filmmusik zu entwickeln. Er hatte das Glück, nach seiner Musikausbildung mit einigen der grossen Filmmusik-Meister wie Alfred Newman und Bernard Herrmann zu arbeiten. Für Dimitri Tiomkin schrieb er einen Teil der Orchestrierung für den Oscar-nominierten Soundtrack zu «Die Kanonen von Navarone» (1962). Dem hier angewandten sinfonischen Orchesterklang sowie einer spätromantischen Tradition blieb Williams dann weiterhin treu. Dies selbst noch, als ein Orchester-Score kaum mehr dem Zeitgeist entsprach – doch genau damit sollte ihm der grosse internationale Durchbruch gelingen.

Kurz davor, 1973, begann mit «The Sugarland Express» eine der längsten und fruchtbarsten Kooperationen der Filmgeschichte zwischen einem Regisseur und einem Komponisten. Bis auf zwei Ausnahmen – «The Color Purple» sowie krankheitsbedingt «Bridge of Spies» (2015) – schrieb John Williams die Musik für sämtliche Filme von Steven Spielberg. «Ich arbeite mit Spielberg enger zusammen, als mit den meisten Regisseuren, auch weil unsere Büros sich quasi nebeneinander befinden», sagt er.

An Wagner-Motiven orientiert

Mit «Der weisse Hai» wurden Spielberg und Williams weltberühmt. So, wie dieser Soundtrack wohl massgeblich mit zum Erfolg beitrug, sind auch die Melodien, die der US-Komponist für «E. T. – Der Ausserirdische», «Jurassic Park» oder die «Indiana Jones»-Filme schrieb, wesentlich für den Status dieser Hollywood-Blockbuster. Auch beim Konzert, das übernächste Woche in der Tonhalle St. Gallen zu hören ist, wird die zumeist ausladend und üppig orchestrierte Musik aus diesen Spielberg-Filmen einen grossen Anteil haben.

Spielberg war es auch, der Williams seinem Kollegen George Lucas empfahl, als der für sein Science-Fiction-Epos eine Filmmusik brauchte. Hatte für «Der weisse Hai» noch Strawinskys «Sacre du printemps» als Inspiration gedient, orientierte sich Williams diesmal bei Richard Wagner – indem er für «Star Wars» Leitmotive für die wichtigsten Charaktere schuf. Das Publikum verbindet mit diesen Melodien längst gewisse Szenen und Figuren. Der ebenso gefühlsbetonte wie vertraute symphonische Klang funktioniert dabei als eine emotionale Bindung zu den Figuren und zu einer Geschichte aus einer fremden, märchenhaften Welt.

«Unmittelbare Wirksamkeit»

«Mir scheint es darauf anzukommen, dass ein Komponist Sinn für Theatralik besitzt», sagt Williams darüber, wie man Filmmusik schreibt. Seine Aufgabe sei es, eine musikalische Atmosphäre zu schaffen, die dem Film entspreche. Eine «unmittelbare Wirksamkeit» sei wohl im Kopf eines jeden Filmkomponisten verankert. Doch Williams ist anspruchsvoller: Trotz des Auftrags «ins Unterbewusstsein zu zielen» müsse man zugleich fähig sein, «ein Stück mit einem gewissen intellektuellen Engagement zu schreiben». Seine wichtigste Grundlage beim Komponieren eines Soundtracks sei, eine frühe Version des Films zu sehen, um den Rhythmus zu erfassen, erzählt der Musiker. Williams gilt denn auch als ein Komponist mit einem ausgeprägten Zeitgefühl, als einer, der die filmische Balance zwischen Bild und Ton souverän beherrscht. Trotz seiner ungemein hohen Produktivität betont der Arrangeur und Dirigent, dass ihm das Komponieren nicht in den Schoss falle: «Es ist mit harter, aufwendiger Arbeit verbunden. Ich bin alles andere als schnell, obgleich die Leute das annehmen, weil ich eine Menge Musik zu produzieren habe.» Als Pianist beginnt er eine Komposition noch immer am Klavier und nicht am Computer, wie viele seiner Kollegen: «Ein Grossteil meines Arbeitsprozesses verläuft also tastend.»

Grosse stilistische Vielfalt

Trotz der enormen Zahl an Arbeiten fällt seit jeher die grosse stilistische Breite auf: Williams hat beinahe für jedes Genre Musik komponiert. «Die Vielfalt gehört zu einem Filmkomponisten», sagt er. Die Musik dürfe dabei zwar eine eigene Handschrift haben, sie müsse aber so geformt sein, dass sie für den entsprechenden Film tauge.

Ein sehr schönes Beispiel dafür ist der jazzige Soundtrack zur Gaunerkomödie «Catch me if you can» von Spielberg. Ein in seiner Farbigkeit typischer Williams-Soundtrack; doch für den 60er-Jahre-Stil des Films, worin Leonardo DiCaprio einen Hochstapler spielt, erinnerte sich Williams an seine Zeit als Jazzmusiker – und an den Saxophonisten Charlie Parker. Das grossartige Motiv des Titelstücks übrigens: es ist ebenfalls um zwei Noten aufgebaut.