Grosses für Peter Gross

Er hat das Wort von der «Multioptionsgesellschaft» geprägt und befasst sich mit den Chancen einer alternden Gesellschaft. Jetzt bekommt Peter Gross den Grossen Kulturpreis der St. Gallischen Kulturstiftung.

Rolf App
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Scharfsinnig, eloquent, verständlich: Peter Gross. (Bild: Urs Bucher (St. Gallen, 4. Juli 2013))

Scharfsinnig, eloquent, verständlich: Peter Gross. (Bild: Urs Bucher (St. Gallen, 4. Juli 2013))

Trifft man ihn irgendwo im freien Feld – oder auf dem Velo; der Mann ist auch mit 75 noch fit wie ein Turnschuh –, dann dauert es nicht lange, und Peter Gross wirft den Blick auf die Gesellschaft als Ganzes. Auch heute, da er seit einem Jahrzehnt als HSG-Professor emeritiert ist, arbeitet sein beobachtendes Gehirn unablässig. Die Soziologie, seine Wissenschaft, sie lässt ihn nicht los, weil ihn die Welt interessiert, mit ihr der Mensch. Dafür bekommt Peter Gross nun am 2. Dezember den Grossen Kulturpreis der St. Gallischen Kulturstiftung.

Er versteht es meisterhaft, seine Ideen zu vermitteln

Durchaus zu Recht. Denn Peter Gross wartet nicht nur immer wieder mal mit überraschenden Gedankengängen auf. Er versteht es darüber hinaus auch meisterhaft, seine Ideen in Büchern und bei Vorträgen zu vermitteln. Schwer verständlichen Fremdwörtern begegnet man bei ihm ebenso wenig wie abstrakten Theoriegebäuden. Es ist der Alltag, der seinen Fundus an Gedanken nährt. Wenn Peter Gross also 2006 in seiner Abschiedsvorlesung an der HSG erzählt, dass man in einem heutigen Supermarkt unter Umständen Dutzende von Dosensuppen findet – und von dieser Überfülle in seiner Entscheidungsfähigkeit gelähmt wird – , dann hat man verstanden, was mit dem von ihm geprägten Begriff der Multioptionsgesellschaft gemeint ist. Der überforderte Mensch in der Moderne – das ist sein Thema.

1989 holt ihn die HSG in heimische Gefilde zurück

Peter Gross ist 1941 in St. Gallenkappel geboren worden, er hat in Zürich und Bern Soziologie, Nationalökonomie und Betriebswirtschaftslehre studiert, hat an der Universität Konstanz seinen Professorentitel erworben und zehn Jahre in Bamberg gelehrt, bevor ihn die HSG 1989 in die heimischen Gefilde zurückgeholt hat. Einer breiteren Öffentlichkeit bekanntgemacht haben ihn dann die Bücher «Die Multioptionsgesellschaft» (1994) und «Ich-Jagd» (1999), die vieles von dem vorwegnehmen, was heute zu beobachten ist.

Mit der Emeritierung 2006 hat Peter Gross sich dann nicht in den stillen Winkel zurückgezogen, sondern hat sich noch stärker – und auch freier – den Fragen des Alltags, und hier vor allem des Alters, gewidmet. «Alte Bäume, alter Wein und alte Meister – wer erfreut sich nicht daran?», hat er die Situation seiner Generation beschrieben. Altsein als Chance – für den Einzelnen, und für die Gesellschaft. Das ist die eine Richtung, die seine Gedanken genommen haben.

Und die andere: Alt werden bedeutet auch, die eigene Sterblichkeit vor Augen zu haben – und die seiner Partnerin. Was das heisst, das hat Peter Gross am ergreifendsten in jenem Buch beschrieben, in dem er im vergangenen Jahr das Sterben seiner geliebten Frau verarbeitet hat.