GROSSER KULTURPREIS: Selberdenker mit frivoler Ader

Die St. Gallische Kulturstiftung hat den Soziologen ­Peter Gross ausgezeichnet. ­Der 75-Jährige überraschte mit einer kecken Kostprobe aus seinem neuen, noch unveröffentlichten Buch.

Melissa Müller
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Soziologe Peter Gross lässt sich von Sängerin Paola Felix (links) und Regierungsrat Martin Klöti (rechts) beglückwünschen. (Bild: Urs Bucher)

Soziologe Peter Gross lässt sich von Sängerin Paola Felix (links) und Regierungsrat Martin Klöti (rechts) beglückwünschen. (Bild: Urs Bucher)

Melissa Müller

melissa.mueller@tagblatt.ch

Wird ein glanzvoller Name gefeiert, findet sich eine illustre Gesellschaft ein. Sängerin Paola Felix, Ständerat Paul Rechsteiner, alt Regierungsrätin Kathrin Hilber und weitere Prominente aus Politik, Wirtschaft und dem akademischen Bereich erwiesen am Freitag dem Soziologen Peter Gross die Ehre. Der 75-Jährige wurde in der St. Galler Lokremise mit dem mit 30 000 Franken dotierten Grossen Kulturpreis für sein literarisches und wissenschaftliches Schaffen geehrt. «Wer die Wahl hat, hat die Qual», sagt Corinne Schatz, Präsidentin der St. Gallischen Kulturstiftung, in ihrer Ansprache – und spielt ­damit auf den bahnbrechenden Essay «Die Multioptionsgesellschaft» an. Es machte den St. Galler Soziologen 1994 schlagartig berühmt. Treffend beschreibt Peter Gross darin die Not des Menschen angesichts des gigantischen Überangebots – im Supermarkt, vor dem Kleiderschrank, bei der Berufswahl, bei Fragen wie: Wer möchte ich sein? Mit «Multioptionsgesellschaft» habe Gross einen Begriff geschaffen, der im täglichen Sprachgebrauch Einzug gehalten hat, sagt Schatz.

Den Stier des Jugendwahns bei den Hörnern gepackt

In seiner Laudatio bezeichnete Gottlieb F. Höpli – ehemaliger Chefredaktor des St. Galler Tagblatts und langjähriger Freund von Peter Gross – den Preisträger als «Selberdenker», der «unerschrocken ureigenen Denkpfaden folgt». Ein Wagnis ging Gross ein, als er in Buchform das lange Sterben seiner Frau verarbeitete. Da war sogar sein Freund Höpli zunächst skeptisch. «Wird da Privates einer sensationsgeilen Öffentlichkeit preisgegeben?», fragte er sich. Und merkte dann: Es geht nicht um Voyeurismus, sondern um ein ehrliches, riskantes Unterfangen. «Wer die Geschichte dieses Abschieds liest, kann nicht anders, als tief berührt sein», sagt der Publizist.

Nach seiner Eremitierung an der HSG ging Gross der Frage nach, was passiert, wenn die Alten immer älter werden. In seinen Büchern «Glücksfall Alter» (mit Karin Fagetti) und «Wir werden älter. Vielen Dank. Aber wozu?» gewinnt er dem letzten Lebensabschnitt viel Positives ab. «Peter Gross packt den Stier des Jugendwahns bei den Hörnern und betrachtet das Alter als Geschenk, das ja erst den Menschen der allerneuesten Zeit zuteil wird», fasst Höpli zusammen.

Dunkle Tannenwälder und Kruzifixe

Peter Gross wuchs in einem elfköpfigen Lehrer- und Organistenhaushalt auf. Die dunklen Toggenburger Tannenwälder, die Kruzifixe und Heiligenfiguren regten die Phantasie des Buben an und hinterliessen bei ihm einen tiefen Eindruck. Auf diese Wurzeln besinnt sich Peter Gross in seinem noch unveröffentlichten Werk. Schauspielerin Diana Dengler liest an der Preisverleihung eine Passage aus dem neuen Buch vor. Es beginnt in Magdenau, wo Gross einer Kastanien­allee entlangflaniert. Hier gab es einst einen Schopf und einen fast erblindeten Knecht, «der mir als Kind Herzklopfen bereitete». Als junger Mann küsste er an diesem Ort seine spätere Ehefrau Ursula. Dann bleibt der Blick des Autors an einem Kruzifix hängen. Der Jesus erinnert ihn an Conchita Wurst. «Sie ist wie eine Heiligenerscheinung mit scharf geschnittenem Bart», schwärmt der Schreibende und outet sich als Fan der Travestiekünstlerin. «Googeln Sie sie!» Die witzige ­literarische Kostprobe ist der ­Höhepunkt des Abends. Gross spinnt ein assoziatives Netz aus Populärkultur, persönlicher Erinnerung und religiöser Betrachtung. Man spürt förmlich den Spass, den er beim Schreiben hatte. «Ich freue mich selber auf mein Buch», sagt der Gepriesene, als er die Bühne betritt. «Ich bin tief im Herzen berührt.» Der vitale Herr blickt ins festlich gekleidete Publikum. Manche Menschen sehe er nach Jahrzehnten wieder. «Von daher würde ich mir wünschen, dass ich noch mehr Preise erhalte», fügt Peter Gross hinzu. Und schickt ein spitzbübisches Lächeln hinterher.