Grosse Sorgen, heftige Gefühle

Der Historiker Jürg Schoch wirft einen Blick von unten auf die schwierigen Jahre des Zweiten Weltkriegs. Er wertet aus, was einfache Bürger dem Aufklärungsdienst von Heer & Haus geschrieben haben.

Rolf App
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Auf dem Fabrikgelände des Aluminiumwalzwerkes von Neher & Co. in Kreuzlingen werden im April 1941 Luftschutzübungen für die Belegschaft durchgeführt. (Bild: ky/Photopress-Archiv)

Auf dem Fabrikgelände des Aluminiumwalzwerkes von Neher & Co. in Kreuzlingen werden im April 1941 Luftschutzübungen für die Belegschaft durchgeführt. (Bild: ky/Photopress-Archiv)

1940: Die Schweiz ist umstellt, jeden Moment kann der Krieg losgehen. Tiefe Gräben tun sich auf in Führung und Bevölkerung. Unzufriedenheit grassiert, Gerüchte machen die Runde. Eine ältere Frau erzählt, der Papst habe sich vor den Faschisten nach Brülisau retten müssen, für Appenzell Innerrhoden sei das eine grosse Ehre. Eine andere berichtet aus dem Luzernischen, ein höherer Offizier habe im Auftrag einer fremden Macht die ganze 8. Division vergiften wollen, indem er Gift in das Kakaopulver gemischt habe. Und im Rheintal macht das Gerücht die Runde, ein Grossteil der in der Schweiz gestrandeten Franzosenbuben sei von den Deutschen kastriert worden. Noch schrecklicher: In italienischer Salami habe man Menschenfleisch gefunden.

Ein Kampf gegen Windmühlen

Diese und viele andere Seltsamkeiten landen bei der dem General unterstellten Abteilung Heer & Haus – und werden von dieser umgehend dementiert. Doch es ist ein Kampf gegen Windmühlen, wie die im Bundesarchiv lagernden Akten beweisen. Der Historiker Jürg Schoch hat sie ausgewertet, in einem Buch zeichnet er das Bild einer Schweiz von unten, die eine Zeit grosser und oftmals schwer greifbarer Ängste durchlebt. Es ist eine Schweiz, in der die Zeitungen der Zensur unterstehen – und in der auch deshalb jede Menge Mutmassungen die Runde machen. Nichts scheint mehr sicher zu sein. Die Lebensmittel sind rationiert, die Männer im Militär – und der Feind steht an den Grenzen.

Die Schweiz ist dabei keineswegs gefeit gegen dessen Propaganda. Immer wieder wird im Weltkrieg Kritik am Landessender Beromünster laut, wie das heutige SRF damals heisst. «Es ist geradezu katastrophal, was über unsere Radiosendungen gelästert wird & dies mit Recht», schreibt Frau M. Amstad aus dem nidwaldnerischen Hergiswil. Nur ernste Klassik, «Narrenmusik», wie Frau Amstad sie nennt, und nichts Modernes wie die deutschen Sender, die anscheinend rege gehört werden.

Der Zürcher Sekundarlehrer Alfred Wolf bläst ins selbe Horn: «Meine Frau hat 1941 zehn Ferientage bei Alpbauern oberhalb von Elm zugebracht und beobachtet, dass die beiden Buben den ganzen Tag deutsche Sender abhörten und so begeistert waren, dass der eine den Wunsch äusserte, er wolle auch einmal in die deutsche Marine eintreten.»

Man muss etwas tun

Man muss etwas tun gegen die Nazi-Propaganda und die Verängstigung der Menschen. Schon kurz nach seiner Wahl Ende August 1939 ordnet der General die Schaffung einer Dienstabteilung mit dem Namen Herr & Haus an. Sie soll das Band zwischen Armee und Volk enger knüpfen, ist aber in den Anfängen wenig erfolgreich. Zu den schärfsten und frühesten Kritikern gehört der in Teufen wohnhafte Hans Hausamann, der einen privaten Nachrichtendienst betreibt. Er gehört zu einer Gruppe von Offizieren, die sich nach der einer in weiten Teilen der Bevölkerung als anpasserisch empfundenen Rede von Bundespräsident Marcel Pilet-Golaz vom 25. Juni 1940 zusammentun und Druck aufsetzen.

Der General reagiert

Der General reagiert mit dem Rütlirapport, und er holt den Obersten Oscar Frey an die Spitze von Heer & Haus. Der kümmert sich nun nicht mehr nur um die Hebung des Humors in der Truppe, sondern um die Stimmung in der Bevölkerung. So wird ein dichtes Netz von Vertrauensleuten in den Gemeinden aufgebaut. Sie berichten nach Bern, was die Menschen beschäftigt, und werden von dort mit Antworten versorgt. Ein Seismograph der Kriegsängste entsteht, der rasch auch das Interesse des dafür zuständigen Bundesrats Philipp Etter findet. Er lässt sich von Oscar Frey regelmässig Bericht erstatten, Frey wiederum nimmt kein Blatt vor den Mund.

Das tun die vielen Menschen auch nicht, die sich für Heer & Haus zur Verfügung stellen. Ihnen ist die Zensur ebenso suspekt wie die Verdunkelung, beides wird als Entgegenkommen gegenüber den Achsenmächten Deutschland und Italien scharf kritisiert. Der Rückzug der Armee ins Reduit gibt zwar einerseits Halt, löst aber andererseits Verunsicherung aus. Gerade in der Ostschweiz. «Die Bauern sagen: <Wenn wir angegriffen werden, so ist unser Mittelland sowieso verloren. Das Gebirge können wir vielleicht halten, aber was nützen uns die Steine?>», berichtet etwa der Lehrer H. Landolf aus dem thurgauischen Amlikon an Herr & Haus.

Der Kassier macht sich davon

Man spürt aus den manchmal unbeholfenen, immer aber ganz ungeschminkten Briefen heraus, wie sehr das Vertrauen in die Obrigkeit gelitten hat. Mit Grund. Als der Krieg im Mai 1940 der Schweiz ganz nahe kommt, flüchten sich viele, die es sich leisten können, in die Innerschweiz und in Richtung Romandie. Vor allem an so neuralgischen Punkten wie Kreuzlingen macht dieses Verhalten besonders wütend. Von dort schreibt eine Frau Zuberbühler nach Bern: «Ich habe jenen kritischen 17. Mai 1940 <in allen Formen> erlebt, wo diese Helden des Alltags, sonst so hocherhaben von ihrem Selbstbewusstsein erfüllt, so schmählich den <Finkenstrich> nahmen. Am meisten aber ärgerte ich mich über unsern Gemeindekassier, der als einer der Ersten seine Frau, eine Deutsche u. Anhängerin des ausl. Systems, dessen noch nicht 18jährige Tochter, verlobt mit einem Gestapo, mit einem Taxi nach der Innerschweiz in Sicherheit bringen liess.»

Während das Volk unten durch muss, wird es im Stich gelassen: Das ist ein wiederkehrendes Thema, vor allem nachdem die Rationierung der Lebensmittel das Leben immer komplizierter macht. «Die Brotpreiserhöhung hat viel heisses Blut geschaffen», berichtet im Juli 1942 der HSG-Student Kurt Meier.

«Auch die Einschränkung im Fleischverbrauch wird nicht widerstandslos entgegengenommen. Es wird sogar behauptet, es sei noch genügend Fleisch vorhanden, wenn nicht die Bauern einen höheren Preis dafür wollten.» Und Lehrer Fritz Hegi aus Rebstein fragt sich, warum viele Hausfrauen über so viel Schmalz (Tierfett) verfügen. «Im Rheintal gibt es viele Familien, die fast ausschliesslich von Riebel (Mais) leben», berichtet er. «Der <Riebel> wird im <Schmalz> gebacken. Frage: Woher haben diese Hausfrauen so viel Schmalz? Ganz sicher nicht von der Lebensmittelkarte.»

Der Antisemitismus

Dass Flüchtlinge da sind, dass Internierte ernährt werden wollen, weckt nicht unbedingt positive Gefühle. Scharf ist der Gegensatz in der Flüchtlingsfrage. Pfarrer Chr. Lendi aus St. Gallen nimmt einen wachsenden Antisemitismus wahr: «<Dass die Juden an allem schuld sind>, ist mancherorts auch das Dogma des kleinen Mannes, auch wenn er links gerichtet ist.» Es ist derselbe kleine Mann, der angesichts zahlreicher Fälle von Landesverrat nach dem Henker ruft. Die ersten Exekutionen «wirkten im ganzen Land wie eine Erlösung», fasst Jürg Schoch dieses schwierige Kapitel zusammen.

Jürg Schoch: Mit Aug' und Ohr für's Vaterland. Der Schweizer Aufklärungsdienst von Heer & Haus im Zweiten Weltkrieg, Verlag NZZ 2015, 346 S., Fr. 49.90