Grossartig verzettelte plakative Kunst

Ohne Rolf zeigen in «Seitenwechsel» neue Seiten. Das Publikum darf mitblättern.

Julia Stephan
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«Never change a running system.» – «Ändere nichts, was funktioniert.» Für viele Bereiche des Lebens mag dieser Leitsatz stimmen. In der Kunst ist er eine fatale Kreativitätsbremse. Und ausbremsen lassen sich oft gerade diejenigen Künstler, die auf der Erfolgsspur sind.

Den Luzerner Kleinkünstlern Jonas Anderhub und Christof Wolfisberg von Ohne Rolf droht diese Falle andauernd. Sie haben ein so geniales wie einfaches Bühnenformat erfunden. Statt des Kabarettisten liebstes Sprachorgan – die Stimme – zu erheben, behelfen sich die zwei bei ihren Dialogen mit gedruckten Plakaten in Arialschrift. Was die Sache so verrückt macht: Der ganze Gefühlshaushalt, den eine Stimme neben der sachlichen Message normalerweise mittransportiert, drängt unter der plakativen Fläche mit ihren typographischen Spielereien heftig an die Oberfläche. Ohne ihre Stimme zu erheben, schaffen die beiden mit schreienden Lettern und solchen, die sich quer in die Landschaft stellen, so etwas wie einen emotionalen Subtext, den man bei der gesprochenen Sprache selten bewusst wahrnimmt.

Erstmals die Stimme benutzt

Drei plakative Programme («Blattrand», «Schreibhals», «Unferti») haben Ohne Rolf seit 2004 gedruckt. 2014 und 2015 erhielten sie dafür den Deutschen Kleinkunstpreis sowie den Deutschen Comedypreis. Mit ihrem vierten Programm «Seitenwechsel», das sie erst kürzlich erstmals durchgeblättert haben, beweisen sie: Es lohnt sich, die selbstgewählten Formatvorgaben immer wieder neu zu hinterfragen. Der «Seitenwechsel» steht nicht nur im Programmtitel, er ist auch Programm. Erstmals melden sich die zwei unter dem Einfluss der Hypnose mit piepsigen Stimmen auch lautlich zu Wort. Bis die Rolfs wieder zu sich finden – also schweigen! –, steht für Minuten nichts mehr als das ganze Kabarettformat auf dem Spiel. Ein verrücktes Experiment, das einem die ungewohnte Bühnensituation, an die man sich gewöhnt hat, wieder bewusst macht.

Sie zaubern mit Plakaten

Als wollten es die zwei für einmal «mit» und nicht «ohne» ihren «Rolf» versuchen, haben sie ein drittes Stehpult zwischen sich plaziert. In einem Bewerbungsverfahren soll eine Nachfolge für Jonas Anderhub ermittelt werden. Sie laden zwei ausgewählte Zuschauer für ein Bewerbungsgespräch auf die Bühne und lassen sie nach einigen Trockenübungen kräftig mitblättern. Da ist der indische IT-Spezialist, der mit Ja- und Nein-Antworten jede Selbstdarstellung zurückweist. Dort die meinungsstarke, aber meinungsstarre Journalistin, welche den Rolfs erklärt, wie sie das ABC des Journalismus, die fünf W-Fragen (wer, was, wo, wie, warum), im Bewerbungsgespräch einzusetzen haben.

Ohne dass man es merkt, verzettelt sich der Abend in die merkwürdigsten Gebiete. Ohne Rolf verlieren sich im Kleingedruckten von Versicherungen, zeigen Plakate mit Wasser- und Hagelschaden. Aber sie verharren nicht in der nüchternen Reflexion ihrer Mittel. Sie zaubern mit ihren Plakaten Hasen weg und nutzen ihre Textflächen zum Erzählen von Stummfilmen. In «Seitenwechsel» machen sie aus den Grenzen ihrer Kunst ein grossartiges philosophisches Gedankenexperiment.

Di bis Sa, je 20 Uhr, Kellerbühne