Grossartig sauer: Ein Lob der Zitrone

Eigentlich bin ich ganz anders. Ich komme nur selten dazu, denn ich habe Kinder. Von Natur aus bin ich sanft wie ein Lamm, besonnen und zutiefst harmoniebedürftig. Im wirklichen Leben muss ich permanent die Krallen ausfahren, laut und deutlich werden und auf Prinzipien pochen.

Bettina Kugler
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Für Bettina Kugler (Bild: Bettina Kugler)

Für Bettina Kugler (Bild: Bettina Kugler)

Eigentlich bin ich ganz anders. Ich komme nur selten dazu, denn ich habe Kinder. Von Natur aus bin ich sanft wie ein Lamm, besonnen und zutiefst harmoniebedürftig. Im wirklichen Leben muss ich permanent die Krallen ausfahren, laut und deutlich werden und auf Prinzipien pochen. «Erziehung» nennt man diese Art von aktiver Selbstverleugnung, und Ferien gibt es davon keine, auch wenn pädagogische Leitwölfe wie der Däne Jesper Juul gerne empfehlen, die Kinder hin und wieder «einfach zu geniessen».

Oft sind sie gerade dann, wenn wir uns das fest vornehmen, leider ungeniessbar. Sauer wie die beiden reizenden Mädchen, mit denen wir in diesen Tagen bei prächtigem Wetter auf unserer Lieblingsinsel in der Nordsee dem süssen Nichtstun frönen... wollten. Nicht dass die Sonne uns im Stich gelassen hätte. Nein, es war das WLAN in der Ferienwohnung. Dabei hatten wir die Kinder (zugegeben, pädagogisch fragwürdig) mit YouTube-Wunschkonzert zur Mithilfe beim Abtrocknen geködert. Zwei Tage ging es gut, dann war die Internetverbindung weg – und alle hatten schlechte Laune. Dabei sind wir doch eigentlich ganz anders, oder? Aber wie heisst es so schön: Gibt dir das Leben Zitronen, mach Limonade daraus. Inzwischen trocknen die Kinder auch ohne «Bibi und Tina»-Hits ab und spielen, statt «Löwenzahn» zu gucken, bis zum Einbruch der Dunkelheit im Garten mit anderen Bullerbü-Mädchen. In völliger Verwegenheit habe ich einen 1000seitigen Roman zu lesen begonnen. Und lobe im Stillen das intensive Aroma der Zitrone. Nebenbei: auch das Internet funktioniert wieder.