Gross, grösser, Kanye West

Kanye West zeigt sich auf seinem neuen, unfertigen Album unverändert grossspurig. Er stänkert unfassbar gehässig über Taylor Swift, vergleicht sich mal mit Gott und dann mit Pablo Picasso und kennt nur eine Muse: sich selbst.

Michael Gasser
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Über ihm ist nur noch Gott: Kanye West im Madison Square Garden während der Präsentation seines neuen Albums und seiner neuen Kollektion. (Bild: getty/Dimitrios Kambouris)

Über ihm ist nur noch Gott: Kanye West im Madison Square Garden während der Präsentation seines neuen Albums und seiner neuen Kollektion. (Bild: getty/Dimitrios Kambouris)

«Wir wollen keine Teufel in unserem Haus, wir wollen den Herrn», rappt Kanye West zu Beginn seines siebten Soloalbums «The Life of Pablo» und lässt einen Gospelchor erschallen. Das klingt überraschend demütig, legt aber eine falsche Fährte. Bald schon zeigt sich der US-Amerikaner so narzisstisch wie eh und je: Im fragmentarisch anmutenden «Famous» träumt er von Sex mit Taylor Swift und behauptet kurzerhand, diese sei nur dank seiner Unterstützung ein Popstar. Und im klaustrophobisch arrangierten «Freestyle 4» rückt er sich dann in Genienähe und lässt wissen, alle Geistesgrössen seien verrückt. So viel Einsicht muss sein.

Grosse Show für nichts

Ob die Platte jemals regulär veröffentlicht wird, ist fraglich. In einem Tweet von Dienstag schrieb Kanye West, das Werk werde nie in den regulären Handel kommen und ausschliesslich über den Streaming-Dienst Tidal – an dem er finanziell beteiligt ist – erhältlich sein. Ob das Album jemals ganz fertig wird, steht ebenfalls in den Sternen.

Angekündigt war «The Life of Pablo» bereits für 2014, doch der Musiker konnte und konnte nicht von seinen Liedern lassen. Immer wieder verwarf und veränderte er. Als er in der vergangenen Woche die Musik endlich – gleichzeitig mit seiner neusten Modekollektion – im New Yorker Madison Square Garden präsentierte, bekamen die Zuhörer eine Rumpfversion geboten. Und das nicht live, sondern ab Laptop.

Doch vor lauter Live-Tickern, Modeschau und Schaulaufen des Kardashian-Clans, ging beinahe unter, dass an dieser riesigen Albumveröffentlichungsparty – gar kein Album veröffentlicht wurde.

Début mit 20 Jahren

Aber es passt. Bereits als Fünfjähriger soll der in Atlanta, Georgia, geborene Sohn einer Englischprofessorin und eines Fotojournalisten erste Gedichte verfasst haben. Mit 20 brach er seine Collegeausbildung ab und setzte ganz auf die Karte Musik. Sein Début, «The College Dropout» (2004), wurde von Kritikern insbesondere für dunklen Humor und inhaltliche Substanz gelobt.

53 Millionen Dollar Schulden

Noch wichtiger: Der Longplayer schaffte es bis auf Platz 2 der US-Charts. Inzwischen hat Kanye West über 32 Millionen Platten verkauft, nach eigenen Angaben allerdings auch Schulden in der Höhe von 53 Millionen Dollar angehäuft. Diese dürften auf den extravaganten Lebensstil zurückzuführen sein, den er und seine Frau, Reality-TV-Star Kim Kardashian, pflegen. Alleine ihre Villa in Kalifornien soll 20 Millionen Dollar gekostet haben.

Der 38-Jährige glaubt indes, eine Lösung für seinen finanziellen Engpass gefunden zu haben: Vor wenigen Tagen forderte er Facebook-Gründer Mark Zuckerberg via Twitter auf, eine Milliarde in ihn zu investieren.

Schliesslich müsse der Entrepreneur anerkennen, dass Kanye West der «wichtigste lebende Künstler und der wichtigste Künstler aller Zeiten» sei. Das verdeutlicht, dass der Musiker seinen Ruhm als Spiel sieht, das er jederzeit zu seinen Gunsten drehen kann. Anders als eine Beyoncé oder Rihanna, deren Marketingkampagnen stets straff durchorganisiert sind, herrscht bei Kanye West öfters das Chaos. Auch das ist eine Strategie. Vor allem für jemanden, der überall mitmischen will.

Auf einer Stufe mit Andy Warhol

Der zweifache Vater ist notorisch hyperaktiv. Unter anderem hat er schon Burgerrestaurants, eine eigene Modelinie und sogar seine eigenen Turnschuhe entwickelt. Viel Trubel, der dazu beiträgt, dass man im Gespräch bleibt. Seinen Anteil daran hat auch Kanye Wests Dauerfeuerwerk auf den sozialen Medien. Dass er über eine äussert loyale Fanbasis verfügt, dürfte im übrigen darauf zurückzuführen zu sein, dass er sich und seiner Grossspurigkeit treu geblieben ist. Kanye West, der sich auf einer Stufe mit Shakespeare und Andy Warhol sieht, kennt letztlich nur eine Muse: sich selbst.

Ein unfertiges Sammelsurium

Zurück zu «The Life of Pablo», einem Album, das seinen langwierigen Entwicklungsprozess nicht verbergen kann. Das Set wirkt unfertig – wie eine zusammengewürfelte Bestandesaufnahme von Notizen und Ideen. Kanye West bedient sich beim Seventies-Soul, bei Gospel und Elektronika und mitunter sogar beim Postpunk. Musikschnipsel von Nina Simone stehen einträchtig neben solchen von Disco-Erneuerer Arthur Russell oder Dancehall-Ikone Sister Nancy. Das zeugt von Geschmack, täuscht jedoch nicht darüber hinweg, dass es dem Ganzen an Fokus mangelt. Tracks wie das verschleppte «Wolves» oder «No More Parties», auf dem Kanye West gemeinsam mit Gast-MC Kendrick Lamar entspannt rappt, vermögen zu unterhalten – nicht mehr.

«The Life of Pablo» leidet auch darunter, dass Kanye West erstmals auf ein Leitmotiv verzichtet. Sieht man mal davon ab, dass sich immer wieder Hinweise aufs göttliche Wirken auf Erden finden lassen. Letzten Endes kommt das Album einem Sammelsurium an teils gloriosen Einfällen gleich, das zwar öfters vergnügt, aber hinter den Erwartungen zurückbleibt.

Kanye West: «The Life of Pablo» (Good Music/Def Jam/Universal).

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