GRENZZIEHUNG: Nicht nur Mauern schliessen aus

«Sag Schibbolet! Von sichtbaren und unsichtbaren Grenzen»: Ihnen gehen Künstlerinnen und Künstler im Jüdischen Museum in Hohenems nach – mit ungewöhnlicher, erhellender Sichtweise.

Urs Bader
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Videostill aus Fiamma Montezemolos «Traces»: Der Videoessay handelt von der Grenze zwischen den USA und Mexiko. (Bild: Bryan A. Chilian)

Videostill aus Fiamma Montezemolos «Traces»: Der Videoessay handelt von der Grenze zwischen den USA und Mexiko. (Bild: Bryan A. Chilian)

Urs Bader

Siebzig Staaten sichern heute ihre Grenzen mit Zäunen und Mauern; 1990 waren es nur gerade noch 15. Und über 60000 Menschen kamen in den vergangenen zwanzig Jahren ums Leben beim Versuch, eine Grenze zu über­queren. Diese Zahlen dokumentieren eine dramatische Ent­wicklung: die Wiederkehr der Grenzen. Diese Entwicklung kontrastiert mit dem öffentlichen Bild von Globalisierung, offenen Grenzen und internationaler Gemeinschaft. Tatsächlich können Güter und Kapital weltweit meist frei zirkulieren, nicht aber die Menschen.

Dies ist eines der Themen der eindringlich inszenierten Ausstellung «Sag Schibbolet! Von sichtbaren und unsichtbaren Grenzen» im Jüdischen Museum im vorarlbergischen Hohenems. Dabei sind die physischen Grenzen nur die offensichtlichsten. Sie umgeben Staaten, besetzte Territorien, vornehme Wohnquartiere und trennen öffentlichen und privaten Raum.

Wenn Sprache oder Aussehen verraten

Aber es gibt auch viele – und immer mehr – unsichtbare, immaterielle Grenzen. Die Ausstellung geht aus von der biblischen Geschichte um einen Stammeskrieg, in dem der Begriff «Schibbolet» (Kornähre, Wasserlauf) zu einer Art Losungswort wurde: Wer es nicht richtig aussprechen konnte, verriet sich als Feind und wurde umgebracht (Buch der Richter 12, 5–6). Im übertragenen Sinn steht das Wort, steht die Sprache für einen kulturellen Code, der ein- oder ausschliesst.

Der aus Jordanien stammende Künstler Lawrence Abu Hamdan, der in Berlin lebt, hat dieses Thema in der Ausstellung aufgegriffen. Er dokumentiert unter anderem mit einer grossen Grafik die Problematik von technischen Sprachanalysen, wie europäische Einwanderungsbehörden sie zur Bestimmung der Herkunft von Asylsuchenden einsetzen. Es geht um somalische Asylsuchende, die von den niederländischen Behörden aufgrund von Sprachtests abgewiesen wurden. Die Verteidigung der «Festung Europa» wird auch in anderen Arbeiten aufgegriffen, beispielsweise in Farbfotografien von Leon Kahane. Er hat in der Warschauer Zentrale der Frontex, der Europäischen Agentur für die Grenz- und Küstenwache, fotografiert. Seine kühlen Bilder zeigen den bürokratisch-institutionellen Apparat, der die europäische Migrationspolitik und -kontrolle vollstreckt.

Die britische Politologin Louise Amoore hat auf eine neue Form der Grenzziehung hingewiesen, auf «biometrische Grenzen». Gemeint ist die Techno­logie, die an internationalen Grenzen, auf Flughäfen oder Bahnhöfen, aber auch auf städtischen Strassen Personen anhand bestimmter körperlicher Merkmale identifiziert. Leistungsfähige Rechner übernehmen die Mobilitätskontrolle. Der US-Künstler Zach Blas beleuchtet mit Plastiken und einem Video die Unstimmigkeiten und systematischen Messabweichungen, die Technologien der biometrischen Gesichtserkennung eigen sind. Diese Technologie kontrolliert auch den öffentlichen Raum, der auch ein Ort des politischen Lebens ist, der Demokratie.

Flüchtlingsdramen am Rhein

Die Arbeiten der zwölf internationalen Künstlerinnen und Künstler – Fotografie, Installationen, Videos – sind thematisch geordnet: «Sprache und Grenzen», «Zwischen privatem und öffentlichem Raum», «Kapital und ­Arbeit», «(Un-)Natürliche Grenzen», «Biometrische Grenzen», «Europa: Union oder Festung». Schliesslich wird mit Grenzsteinen auch die historische Dimension des Themas sicht- und hörbar gemacht – an diesem Ort unumgänglich. Von 1938 bis 1945 wurden an der Rheingrenze zwischen Bodensee und Feldkirch Tausende von Flüchtlingsschicksalen entschieden. Der «Alte Rhein» bei Hohenems wurde zu einem Brennpunkt der Fluchtbewegung aus dem Dritten Reich, zu dem auch Österreich gehörte. Über die Ausstellung verteilte Grenzsteine sind Hörstationen, die von Flüchtlingsdramen und Rettungsversuchen berichten.

Zur Ausstellung findet ein umfangreiches Begleitprogramm statt mit Lesungen, Filmvorführungen, Künstlergesprächen.

Hinweis

Bis 17.2.2019. jm-hohenems.at