Grenzgänge ohne Schwellenangst

WERDENBERG. Bis zum Rand der Welt und dann zum Mond will Josa reiten: der Köhlerbub aus Janoschs Buch «Josa mit der Zauberfiedel», zu schwach und klein, um in die Fussstapfen seines Vaters Jeromir zu treten. Der nämlich ist gross wie ein Baum.

Bettina Kugler
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Joscha Oehring und Josa Zauberfiedler, geschnitzt von Peter Leisinger: Avantgarde bei der Schlossmediale. (Bild: Daniel Ammann)

Joscha Oehring und Josa Zauberfiedler, geschnitzt von Peter Leisinger: Avantgarde bei der Schlossmediale. (Bild: Daniel Ammann)

WERDENBERG. Bis zum Rand der Welt und dann zum Mond will Josa reiten: der Köhlerbub aus Janoschs Buch «Josa mit der Zauberfiedel», zu schwach und klein, um in die Fussstapfen seines Vaters Jeromir zu treten. Der nämlich ist gross wie ein Baum. Man könnte auch sagen: eine von starken Ideen getriebene, in der musikalischen Avantgarde-Szene so anerkannte Figur wie Helmut Oehring, Komponist im Fokus an der diesjährigen Schlossmediale in Werdenberg.

Kinder: Keine Randerscheinung

So passte es bestens ins Bild, dass Oehrings Kinder Mia und Joscha am Samstag das Programm mit Janoschs Märchen eröffneten – als Erzählerin und Sprecher jener Geschichte, die Wolfgang Hillers Musik für Geige, Klavier, Schlagzeug und Glasharfe sinnlich weiterspinnt. Kinder nämlich sind an der Schlossmediale, obwohl das Festival auf simples Spassangebot verzichtet, keine Randerscheinung, sondern selbstverständlich dabei. Auch ausserhalb der «Kindermediale», zu der das konzertante Märchen mit Tanz, Videoanimation und Puppenspiel gehörte.

Musik, am Glasrand erzeugt

Zudem ist «Josa mit der Zauberfiedel» eine treffliche Parabel über die Kraft der Kunst, Menschen und Wesen über sich hinauswachsen zu lassen – oder das scheinbar Grosse, Mächtige mit Zauberklang zu schrumpfen. Nicht nur für Kleine ist das grosse, multimediale Kunst. Es ist genauso dicht am Festivalschwerpunkt «Randerscheinungen» wie die im Schloss ausgestellten Arbeiten von Robert Jacobsen und Anna Kubelik oder die Werke von Oehring, Kurtág und Xenakis, die abends im Konzert «Schwellen» erklangen. Im wörtlichen Sinne, wenn man sich von Ben Jegers Glasharfe verzaubern lässt. In einer Nische hinter dem Publikum hat er sie aufgebaut; obertonreich entfaltet sich der Klang der mit Wasser gefüllten Trinkgläser im Gemäuer der Burg.

«Monalisen» und übrige Worte

Erzeugt wird er am Rand – mit Schlägel, Fingerkuppen oder durch Reibung der Handflächen. Dabei entstehen überraschende Effekte und Stimmungen, eine Hörwelt abseits des vertrauten Instrumentariums.

«In seltenen Momenten können grosse Erwartungen über hohe Mauern steigen», das ist einer der Sätze, aus denen Schlossmediale-Stipendiat Joachim Knobloch seine «Allee der übrigen Worte» gebaut hat: lose Blätter, mit Wäscheklammern an weisse Spaliergitter gehängt, an der Fassade und innen im Schloss begegnet man ihnen. Es sind Gesprächsfetzen, flüchtige Worte am Rande, aus denen sich Leben zusammensetzt. Auch hier weist scheinbar Marginales ins Zentrum des Daseins – und dieses besonderen Festivals.

Wie auf den berührenden Schwarzweissfotos des Berliner Künstlerpaares Ute und Werner Mahler, aufgenommen an den Rändern zwischen Stadt und Land. Ihre «Monalisen der Vorstädte» haben sie in Reykjavik, Minsk, Berlin, Liverpool und Florenz getroffen, in Alltagssituationen angesprochen und für kostbare, intensive Minuten vor die Plattenkamera gestellt. So haben die Porträts junger Mädchen neben dem dokumentarischen Aspekt auch ein Moment von Entrücktheit.

Flug durch die Zeiten

Epochengrenzen waren am Abend im Konzert mit Christian Hartmann, dem Trio Oreade sowie Peter McGuire, Lea Boesch und Rafael Rosenfeld in Sekundenschnelle überschritten: von Kurtágs flirrend-verspielten Bewegungsstudien zu Bachs Präludien, gehört mit Mozarts Ohren, über die Uraufführung von Oehrings Grenzgang «Rand/innen» auf ein Gedicht von Sylvia Plath bis hin zu Schönbergs «Verklärter Nacht». Grosse Erwartungen, denen Schwellen und Mauern nichts anhaben können.