Granitblock im Kino

Belles Lettres

Hansruedi Kugler
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Romane sind nicht das Haupttalent von Franz Hohler. Im neuen Roman «Das Päckchen» klappert die Dramaturgie, die Szenen sind blutleer, die Dialoge hölzern – seine tolle Grundidee ist verschenkt. Wunder­bare, witzige Einfälle aber hat er wie kaum ein Zweiter, weshalb er trotzdem einer meiner Lieblingsautoren ist.

Meine 9-jährige Tochter liebt besonders jene Geschichte, die auch zu meinen Favoritinnen gehört: «Der Granitblock im Kino». Da hat ein Felsbrocken fürs Kino gespart, hockt dann auf fünf Sitzen in der ersten Reihe und kichert – weil er keine Erfahrung mit Humor hat – so stark über jede Kleinigkeit des Films «Zwei Tanten auf Abenteuer», dass Sessel und Kinoboden unter seinem Gewicht krachen und er im Keller landet, worauf er mit einem Lastwagen wieder in seinen Park zurückgebracht werden muss. Erfrischend ohne Weltverbesserungsmoral.

Wenn ich über den Rücktritt eines verdienten Vereinspräsidenten lese: «Urgestein tritt ab», muss ich an Hohlers grotesken und rührenden, komischen und eitlen, brachialen und zartbesaiteten Kinofan denken. An den Granitblock, der mit lebensfroher Nostalgie den Spatzen im Park auf die Nerven geht mit der hundertsten Wiederholung der «Zwei Tanten auf Abenteuer». Meine Tochter und ich lachten schon unzählige Male mit.

Hansruedi Kugler

Franz Hohler: Das grosse Buch, Hanser