GRAFIK: Die Linie hat sich emanzipiert

Das St. Galler Gestaltungsbüro TGG Hafen Senn Stieger hat gestern in Porto für seine Saisonkampagne für Konzert und Theater St. Gallen den European Design Award erhalten. Der Preis würdigt ein Konzept der absoluten visuellen Reduktion.

Beda Hanimann
Drucken
Teilen
Reduktion in Reinkultur: Beispiele aus der Plakatserie. (Bilder: PD)

Reduktion in Reinkultur: Beispiele aus der Plakatserie. (Bilder: PD)

Beda Hanimann

Es war einmal eine Linie. Fein, weiss und senkrecht stand sie da, vor Bildern oder unifarbenem Hintergrund, neben dicken Buchstaben. Die perfekte Begleiterin, diskret und zurückhaltend. Wer nicht genau hinsah, nahm sie nicht einmal wahr. Eines Tages aber hatte die Linie genug davon, nur reglos dabei zu sein auf den Plakaten, die Musik, Tanz und Theater ankündigten.

Also begann sie sich selber in Szene zu setzen. Sie plusterte sich auf und verbündete sich mit den Buchstaben. Sie vervielfältigte sich und wurde zu einem richtigen Muster. Sie drehte sich, wand sich und begann zu tanzen. Das ist das Märchen von der Linie, die gross heraus kam. Das Märchen von der quicklebendigen Linie, die am Rande Europas in einen Goldregen geriet.

Jahrelange fruchtbare Zusammenarbeit

Der gestrige Abend aber zeigt nun: Das ist gar kein Märchen. Mit den Plakaten für die laufende Spielzeit von Konzert und Theater St. Gallen gewann TGG Hafen Senn Stieger in Porto den Europaen Design Award in der Kategorie «Posterserien». Es ist ein weiteres erfolgreiches Kapitel für das St. Galler Gestaltungsbüro. Ein weiterer Beleg für dessen fruchtbare Zusammenarbeit mit Konzert und Theater St. Gallen, die in den frühen 90er Jahren mit der Gestaltung des Kulturmagazins «Terzett» durch das gerade von Dominik Hafen, Bernhard Senn und Roland Stieger gegründete Büro begonnen hatte.

In früheren Saisonkampagnen hatte TGG mit Fotosujets aus Theaterproduktionen gearbeitet. Ein wichtiges Element war dabei eine feine weisse Linie in der Typografie. Sie blieb es auch, als die Theaterleitung den Auftrag gab, neue Wege zu gehen. «Die feine weisse Linie war uns wichtig», sagt Dominik Hafen. In der Entwicklung des Konzepts für die Spielzeit 2016/17 habe man deshalb möglichst nahe dran bleiben, gleichzeitig aber eine Aussage machen und einen Bezug zum betreffenden Stück herstellen wollen. Die Lösung war, der Linie Leben einzuhauchen. Sie wurde zum dicken Pfosten, der zusammen mit dem Wort «Hamlet» ein Kreuz bildet. In «Le nozze di Figaro» symbolisieren quer gekreuzte Linien ein Mieder.

«Im Familien- und Kinderstück ‹Peter Pan› geht es verspielter zu und her, da wird die Linie zur Flugbahn», erläutert TGG-Gestalter Matthias Christ. Das Plakat für «Das Schweigen der Schweiz» zeigt zwei gekreuzte Balken, sie können als gedrehtes Schweizer Kreuz gesehen werden, aber auch als Symbol für einen Giftschrank oder für «Mund halten», wie Christ ausführt. Bei «Orfeo ed Euridice» liegt die Linie waagrecht zwischen den beiden Namen, als Trennstrich zur Unterwelt.

Eine Theatersaison in Piktogrammen

«Wir haben bewusst einfache und fast banale Motive ausgewählt, die die einzelnen Stücke in grösstmöglicher Reduktion repräsentieren», sagt Hafen. Dabei bleibe aber auch Raum für Interpretationen. Die geschwungene Linie im «Lohengrin»-Plakat könne ebenso als Schwanenhals wie als Flusslauf gesehen werden. Mit der konsequenten grafischen Reduktion haben die TGG-Gestalter eine Art Piktogramm-System geschaffen, das durch die Produktionen der Saison führt.

Dieses Konzept hat die Jury des European Design Award überzeugt. Das freut die TGG-Leute um so mehr, als der Award in den zehn Jahren seines Bestehens «einen wahnsinnig guten Ruf» bekommen hat, wie Roland Stieger sagt. Die Jury besteht nicht nur aus Designern, sondern auch aus Verlegern, Journalisten und Akademikern. Der Preis wird im Rahmen einer Konferenz jedes Jahr in einem anderen Land vergeben, das unterstreicht laut Stieger auch seine Bedeutung als Plattform für den Austausch.

Während gestern die Goldmedaille gefeiert wurde, liegen die Motive für die Spielzeit 2017/18 bereit. Die neue Serie verfolgt die Idee der Reduktion weiter, vermittelt aber mit stilisierten Requisiten, Bühnenszenen und räumlich wirkenden Farbverläufen die Emotionen aus der Welt des Theaters.

Aktuelle Nachrichten