Graffiti in der Psychiatrie

Graffiti-Kunst Die Sprayer von der Crew The Weird jetten von Detroit in die Schweiz, bevor sie nach Luxemburg weiterreisen. Sie stellen ihre Arbeiten am Sonntag in Littenheid aus. Jessica Künzle

Merken
Drucken
Teilen
Lars Wunderlich ist ein Mitglied der Berliner Graffiti-Crew, die am Sonntag ihre Arbeiten ausstellt. (Bild: jek)

Lars Wunderlich ist ein Mitglied der Berliner Graffiti-Crew, die am Sonntag ihre Arbeiten ausstellt. (Bild: jek)

Mit dunkler Sonnenbrille, zerzausten Haaren und Vollbart steht Lars Wunderlich stolz vor seinem Bild. Der 31jährige Berliner wohnt mit seiner Graffiti-Crew The Weird für einen Monat im Föhrenberg bei Wil. Das Bild hat er mit zwei seiner Crewmitglieder während dieser Zeit gesprayt. Nun steht es am Bahnhof in Wil. Die kleine Tafel nebenan weist auf die Ausstellung in der Psychiatrischen Klinik in Littenheid hin.

Ganz schön weird, diese Crew

The Weird besteht aus zehn Sprayern. Die meisten kommen aus Deutschland und haben Kunst studiert. Doch das Sprayen in der Crew ist nicht ihr Hauptberuf: Einige sind fest angestellt oder haben eine eigene Agentur, so auch Lars Wunderlich: Mit der PR-Agentur Peachbeach hat er sich, gemeinsam mit einem Freund aus der Crew, selbständig gemacht.

Die Crew ist viel unterwegs, manchmal auf der ganzen Welt zerstreut und etwas chaotisch organisiert – deshalb auch der Name The Weird – die Eigenartigen oder die Seltsamen. Kürzlich sind sie gemeinsam in die Vereinigten Staaten gereist: «Detroit ist eigentlich eine kaputte Stadt, mit unserer Kunst konnten wir etwas Positives bringen. Das hat die Leute sehr gefreut.»

Zehn Berliner in Littenheid

Doch was verschlägt zehn Berliner Graffiti-Sprayer ins beschauliche Littenheid? Marianne Schwyn ist Leiterin der Kulturgruppe der Privatklinik Clienia in Littenheid und hat die Jungs angefragt. Ursprünglich war geplant, dass The Weird den Silo am Gare de Lion in Wil besprayt, doch der Event wurde abgesagt. In einem dreiwöchigen Workshop der Privatklinik für Psychiatrie haben sie den Patienten und den Mitarbeitern ihr Handwerk gezeigt.

An den freiwilligen Workshops haben Patienten jeden Alters teilgenommen. «Da gibt es keine Unterschiede im Alter. Ältere Patienten haben sogar sehr jugendliche Ideen, während die Jüngeren auch zu traditionellen Motiven greifen», sagt Marianne Schwyn. Die Bilder wurden nur auf Wunsch des Patienten für therapeutische Zwecke genutzt, der Spassfaktor sollte überwiegen.

Die Pyramide des Fetts

Mit seinen farbigen Graffiti-Bildern will Wunderlich bestenfalls ein Lächeln auf das Gesicht des Betrachters zaubern. Doch auch sozialkritische Arbeiten hat die Crew umgesetzt. So haben sie in Amerika «die Pyramide des Fetts» gezeichnet, weil dieser Eindruck von Amerika für sie sehr prägend war.

«Doch meistens zeichnen wir einfach drauf los und lassen uns von der Lust und Laune leiten. Wie das Bild dann tatsächlich aussieht, sehen wir dann erst am Schluss.» Der Stil der Crew sei dem Pop-Surrealismus zuzuordnen.

Nicht mehr illegal

«Auch wir haben früher an fremde Hauswände gesprayt.» Lars Wunderlich kann verstehen, dass sich Jugendliche strafbar machen, um sich verwirklichen zu können. «Wir dürfen uns mittlerweile legal ausdrücken, dieses Privileg haben nicht alle.» Es gebe Städte, die das Problem des illegalen Besprayens richtig angegangen seien. Sie würden das Richtige tun, indem den Jugendlichen Wände zum Besprayen zur Verfügung stehen.

Zu einem solchen Projekt fährt ein Teil der Crew im September nach Luxemburg, wo die nächste Wand wartet, besprayt zu werden.