Grabenkampf in der Psychosekte

Die Kreuzlinger Autorin Irma Müller-Nienstedt hat ihren vierten Outi-Lintu-Roman geschrieben – wieder unter ihrem Pseudonym Clara Kanerva. «Bernsteincollier» führt hinein in eine unheimliche Geschichte.

Bernadette Conrad
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Die Kreuzlinger Autorin Irma Müller-Nienstedt. (Bild: Bernadette Conrad)

Die Kreuzlinger Autorin Irma Müller-Nienstedt. (Bild: Bernadette Conrad)

KONSTANZ. «Das Bernsteincollier» ist bereits das vierte Buch, in welchem die finnisch-schweizerische Autorin Irma Müller-Nienstedt aus Outi Lintus Leben erzählt. Es ist das unruhige Leben einer jungen Ärztin, die oft unterwegs ist, zwischen ihrer (Schweizer?) Wohngemeinschaft mit liebenswürdig schrägen Mitbewohnern und ihrer finnischen Heimat, auf Besuch in Leipzig und wie hier, für eine kurze Auszeit in den Bergen. Immer bettet die Autorin, die unter dem Pseudonym Clara Kanerva publiziert, ihre Figuren und Geschichten sorgfältig ein in minutiös und atmosphärisch dicht geschilderte Orte. Und wie immer gerät Outi auch jetzt in irgendwelche fremden und unheimlichen Geschichten hinein.

Tanz mit der Psyche

Denn was hat es mit der alten Frau auf sich, die Outi findet, als sie nach ihrem Gepäck sucht, und die offensichtlich im Haus versteckt wird? Was ist es für ein schwarzer Hund, dessen Auftauchen alle fürchten wie einen Todesboten? Und wer schreibt wem die merkwürdigen Botschaften, die zwischen die Kapitel eingestreut sind? «Psyche! Ich möchte mit dir tanzen! Ich bin so glücklich! Wusste ich doch, dass auch du so denkst wie ich! Wusste ich doch, dass auch du das Heilige wahrnimmst! Nur ein Mensch.»

Neugierig auf den Heiler

Die Geschichte beginnt mit einer überraschenden Begegnung: Wider Erwarten hat Outi Lintu der Vortrag des umschwärmten Psychotherapeuten und Heilers Rolando Mattes gefallen. Eigentlich ist Outi eher mit gesundem Misstrauen gegen Leute gewappnet, die andere in ihren Bann und in Abhängigkeit zu ziehen versuchen. Aber zusammen mit Ellen, einer Freundin, hat sie den Vortrag angehört und für gut befunden. Und weil ihre beiden Praxiskollegen sie überredet haben, mit ihnen die Tage zwischen Weihnachten und Neujahr in der wunderschön in den Bergen gelegenen «Casa Cura» von Rolando Mattes zu verbringen, siegt Outis Neugier, und so packt sie ihr neun Monate altes Töchterchen Siri und alle Siebensachen in ihr Auto und macht sich auf den Weg. Wie schon in den Vorgängerbüchern folgt man auch im «Bernsteincollier» gespannt der Auflösung der vielfach verwickelten Geschichte.

Verstörender Lebenssinn

Dass sich die Autorin in diesem Buch der Thematik miteinander zerstrittener psychotherapeutischer Gemeinschaften, deren egozentrischer Grabenkämpfe und nicht zuletzt der Anfälligkeit für zweifelhafte Leitfiguren annimmt, hat auch mit eigener Berufserfahrung zu tun. Irma Müller-Nienstedt hat selbst lange in Kreuzlingen psychotherapeutisch gearbeitet. Aber dieses Thema tritt zurück hinter der verstörenden Geschichte, die wiederum ein Stück von Outis eigener Lebenssuche verdichtet. Es scheint zu ihrem Leben zu gehören, dass es sie immer wieder an zwielichtige Orte und Menschen führt, wo es etwas zu enthüllen, zu befreien, und zu verstehen gibt. Ohne es zu beabsichtigen, hat Outi sich Feinde gemacht – und angesichts eines gefährlich tobenden Schneesturms draussen fühlt sich die «Casa Cura» der «Lichtkinder» plötzlich ganz und gar nicht mehr nach sicherem Boden an. Die Zeit läuft – und nicht nur, weil das neue Jahr beginnt.

Clara Kanerva: Das Bernsteincollier. Zaunkönigin-Verlag, 221 S., Fr. 24.–

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