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Gottvater und das pralle Leben

Am Ende seines Lebens war Bachs Musik altmodisch. Heute wirkt sie frisch und lebendig; nie war das Spektrum an überzeugenden Interpretationen so gross. Das liegt an ihrem Tempo, ihrer Seelentiefe – und an Bachs Perfektionsstreben.
Bettina Kugler
Wolfgang Katschner (rechts) und die Lautten Compagney: Sie spielen historisch informiert, jubeln Bach aber auch moderne Klangfarben unter. (Bild: pd/Ida Zenna)

Wolfgang Katschner (rechts) und die Lautten Compagney: Sie spielen historisch informiert, jubeln Bach aber auch moderne Klangfarben unter. (Bild: pd/Ida Zenna)

Als Kind kam Dieter Falk an Bach nicht vorbei: diesem Barockmenschen mit Wurstfingern und Perücke, der über alle Werke «Soli Deo Gloria» schrieb, «Gott allein zur Ehre». Falks Mutter leitete den Kirchenchor; die ganze Familie sang mit und Dieter wanderte durch alle Stimmen, vom Knabensopran bis zum Bass. «Bei uns gab's das volle Bach-Programm», sagt er, «Matthäuspassion, Weihnachtsoratorium, Kantaten, Motetten, Choräle…» Heute schreibt Falk Popsongs und Musicals wie «Moses».

Er ist als Musikproduzent erfolgreich im Geschäft, war Juror einer Castingshow und hat es mehr mit Jazz und Funk als mit frommen Chorälen. Dennoch sagt Dieter Falk: «Ganz klar, ich bin Bach-Fan. Ohne Bach wäre ich wohl nicht Musiker geworden.» Und er ist sich sicher, dass es Tausenden von Kollegen so geht – nicht nur jenen aus der Abteilung Alte Musik, historisch informierte Aufführungspraxis.

Sofortwirkung – ein Leben lang

Was fasziniert an dieser Musik seit dreihundert Jahren so stark, dass Bach noch immer «für jeden Musiker eine Überfigur» ist, wie Wolfgang Katschner, Lautenist und Gründer der renommierten Lautten Compagney, bestätigt? «Mag sein, dass nicht alle Musiker an Gott glauben, aber an Bach glauben sie alle», schrieb der Komponist Mauricio Kagel. Es muss eine einzigartige Verbindung von Direktheit und verborgener Komplexität sein. Man hört ein Werk von Bach und ist sofort berührt; man beginnt als Wissenschafter oder Praktiker mit der Analyse, entdeckt immer mehr und wird ein Leben lang nicht fertig – beides beglückende Erfahrungen. «Seine Musik vereint Tempo, Groove und Raffinesse, aber auch Soul, Tiefe und Melancholie», sagt jedenfalls Falk, der fröhliche Popmusiker, «gerade so wie das pralle Leben.»

Das hört man auch, wenn man nicht mit Bach aufgewachsen ist, wenn man keine Ahnung hat von seiner hochkomplexen Harmonik, nicht jahrelang das Fugenschreiben studiert und geübt hat. Davon ist der Musikwissenschafter Michael Wersin, Studienleiter an der Diözesanen Kirchenmusikschule St. Gallen und Autor des Buchs «Bach hören – eine Anleitung», überzeugt. «Es gibt beim Klassikhören so einen gewissen <Beethoven>-Reflex. Leute mit wenig Hörerfahrung finden das langweilig, weil sie die klassische Form nicht unmittelbar packt. Bei Bach ist das anders. Ein <Brandenburgisches Konzert> etwa zieht einen sofort hinein, und man ist gefangen.»

Vollkommen wie der Schöpfer

Wersin erklärt sich das zum einen mit Bachs Anspruch auf Vollkommenheit: Welcher Musikgattung auch immer er sich annahm, er machte keine halben Sachen. Stattdessen versuchte er, sämtliche Möglichkeiten des Materials und der Form auszuschöpfen. «Bach hätte alles komponieren können», sagt Wersin, «auch Opern. Das sieht man an den schlichtweg perfekten modernen Arien und Rezitativen seiner späteren Kantaten, der Passionen und der h-Moll-Messe.» Doch anders als Händel wurde Bach nicht freier Musikunternehmer, sondern wählte das Thomaskantorat als Lebensstelle. Was viel mit seiner tiefen Verwurzelung im lutherisch geprägten Glauben und in der Familientradition zu tun hat.

Einen weiteren Grund für Bachs anhaltende Wirkung sieht Wersin denn auch gerade darin – in Bachs künstlerischer Haltung. Sie habe seine Musik vor jeder Selbstgefälligkeit bewahrt, zum Teil der Schöpfung werden lassen, zum Abbild des Höchsten: Soli Deo Gloria. Das teile sich Bach-Christen, die konzertant «das volle Programm» hören und zu Gesamtaufführungen aller Kantaten pilgern, ebenso mit wie Nichtgläubigen. Es macht seine Musik so grossartig in ihrer Klanggestalt, so faszinierend schön, global verständlich.

Barock-Frischekur

Dabei galt sie schon eine Generation später als altbacken; Bachs Söhne gingen als Musiker neue Wege, befreiten sich von der Einschränkung, die der Vater durch seine Stellung als Kirchenmusiker in Kauf genommen hatte. Erst die Romantik holte Bachs Werk zurück ins Bewusstsein des Publikums – als Meilenstein gilt Felix Mendelssohn-Bartholdys Aufführung der «Matthäuspassion» in riesiger Besetzung.

Musik für die beschleunigte Welt

Eine zweite Bach-Renaissance gab es dann in den Sechzigerjahren des 20. Jahrhunderts, als Pioniere wie Gustav Leonhardt, Nikolaus Harnoncourt oder Ton Koopman der historischen Aufführungspraxis nachzuspüren begannen. Sie liessen Instrumente nachbauen, erprobten Spielweisen und studierten die Quellen: Ergebnis war eine Frische und Unmittelbarkeit der Barockmusik, die ein anderes Hören ermöglicht hat. «Bei meinen Studierenden ist das schon Standard; sie sind mit der federnden, transparenten Musizierweise aufgewachsen», sagt Michael Wersin. «Die wundern sich eher, wenn man ihnen eine Aufnahme von früher präsentiert.» So schlank und sportlich, wie Bach heute gespielt werde, das komme unserem modernen Lebenstempo sehr entgegen.

Wobei sich die historisch informierte Aufführungspraxis längst ausdifferenziert hat, weniger dogmatisch als in ihren Anfängen daherkommt. «So breit wie heute war das Spektrum noch nie», sagt Wersin. Es gibt Passionen in diversen Besetzungsgrössen, mit Sängern «alter Schule», die vibratoarm singen, und solchen, die von der Oper kommen; es wird auf Nachbauten historischer Instrumente, mit Darmsaiten und Barockbögen gespielt oder auf dem modernen Konzertflügel. Und dann gibt es auch noch die eigensinnigen Lesarten, etwa von Glenn Gould, der die Fugen komplett gegen den Strich bürstete. «Bachs musikalische Substanz ist so reich, so aussagekräftig, dass sie ganz unterschiedliche Interpretationen verträgt.»

Vom Spieltisch ans Keyboard

Auch jazzige, mit Funk gewürzt. Wie Bach hat Dieter Falk seine Begeisterung für gewagte Akkorde und Synkopen an seine Söhne weitervererbt: Mit ihnen hat er bekannte Choräle, Suiten-Hits wie die «Air» oder die «Badinerie» neu arrangiert, verrockt, cool rhythmisiert. Klar, dass die Falks auf dem Cover der CD «Celebrate Bach» nicht mit Perücke abgebildet sind, sondern mit gestylter Gelfrisur. Und Papa Dieter zweifelt nicht daran, dass Johann Sebastian, würde er heute leben, garantiert vor den modernsten Keyboards sässe – oder am MacBook.

Michael Wersin Musikwissenschafter, Studienleiter DKMS St. Gallen (Bild: pd)

Michael Wersin Musikwissenschafter, Studienleiter DKMS St. Gallen (Bild: pd)

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