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Die göttliche Auferstehung der Young Gods – Mehr Elektronik als Rock

The Young Gods, die Schweizer Musikhelden aus den späten 1980er-Jahren, brechen in neuer Besetzung und mit neuem Album zu neuen Ufern auf – die nun schon älteren Herren haben die Improvisation entdeckt.
Stefan Künzli
The Young Gods: Bernard Trontin, Franz Treichler und Cesare Pizzi. (Bild: Mehdi Benkler)

The Young Gods: Bernard Trontin, Franz Treichler und Cesare Pizzi. (Bild: Mehdi Benkler)

Es waren Jahre des «künstlerischen Durcheinanders», sagt Sänger und Gitarrist Franz Treichler. Acht lange Jahre hört man nichts von den «Young Gods», diesen Schweizer Musikern, die mit ihrem Post-Industrial, einer avantgardistischen Spielart des Rock, in den späten 80er-Jahren einen wichtigen Beitrag zur internationalen Musikgeschichte geleistet haben. Musiker wie Mike Patton («Faith No More») und Trent Raznor («Nine Inch Nails») beziehen sich auf die Musik der Young Gods.

Doch die «jungen Götter» wurden müde. Der Sample-Grossmeister Al Comet, der den Sound der Young Gods zusammen mit Treichler prägte, verliess die Band und wollte sich neu orientieren. Wie sollte es weitergehen?In dieser Phase des Umbruchs erinnerte sich Treichler an Gründungsmitglied Cesare Pizzi, den Sample-Pionier aus frühen Tagen. Nach seinem Ausscheiden 1988 arbeitete der heute 61-jährige Freiburger als Computer-Wissenschafter.

Der Sound aus den Anfangszeiten ist keine Option

«Viele Leute wünschen sich, dass wir wieder so klingen wie in diesen Anfangszeiten», sagt Schlagzeuger Bernard Trontin (57), der seit 1997 dabei ist. Für Avantgardisten vom Schlage der Young Gods konnte das aber keine Option sein. Trontin sagt:

«Das wäre ein Rückschritt gewesen. Wir wollten etwas Neues kreieren.»

Die Gelegenheit zum Neustart bot sich am Jazzfestival in Cully vor drei Jahren, wo die auf Trio-Format geschrumpfte Band in einem Weinkeller ein offenes Labor einrichtete. «Wir wussten nicht, wohin es gehen würde», sagt Treichler. Die drei legten einfach los und vertrauten auf den Moment der Inspiration, der spontanen Eingebung. «Das Publikum kam und ging. Es war äusserst stimulierend», sagt Treichler weiter. Es war die Geburt des nun vorliegenden Albums «Data Mirage Tangram», die Geburt der neuen Young Gods.

Neu war also nicht nur die Besetzung, neu war vor allem der Ansatz. «Bisher sind wir mit vorgefertigten Ideen, Beats und Sounds der einzelnen Bandmitglieder ins Studio gegangen und haben dann versucht, daraus etwas zu kreieren», erklärt Trontin.

«Diesmal haben wir, zum ersten Mal überhaupt, in Kollektivarbeit etwas entstehen lassen.»

Und Cesare Pizzi ergänzt: «Wir hatten keine Strukturen, keine Lyrics, keine Melodielinien – nichts. Wir sind keine Jazzmusiker, aber der kreative Prozess fand in der Improvisation statt, so wie es Jazzmusiker machen.»

Die Improvisation als Prinzip der Kreation beschäftigte The Young Gods schon länger, schon beim Vorgängeralbum «Everybody Knows» (2010). «Wir wollten improvisieren, wussten aber nicht, wie wir das umsetzen sollten», erinnert sich Treichler. «Ich kann mit Samplern nicht improvisieren», sagte damals Al Comet. Heute ist die Technologie flexibler, schneller. Improvisation ist möglich.

Das Fenster in die Gegenwart der Young Gods

Keine Angst, die neuen Götter spielen keinen Jazz. Treichler, der einst am Konservatorium klassische Gitarre studierte, hat sich die elektrische Gitarre umgeschnallt und singt heute deutlich weniger. Dazu ist sein rauer Flüstergesang sanfter geworden.

Interessant ist, wie sich die Rolle der Gitarre bei den Young Gods verändert hat. Die massiven, mehrfach übereinandergeschichteten Gitarrenriffs aus dem Sampler waren das Markenzeichen der Young Gods. Gitarren aus dem Nichts. Der einstige Überraschungseffekt ist aber heute weg. Die Gitarre hat heute vor allem melodische Funktion. Im Vergleich zu «Everybody Knows» hat «Data Mirage Tangram» kaum klassische Songstrukturen und orientiert sich stärker an der elektronischen Musik als am Rock. Das Trio hat sich für das Repetitive entschieden. Es lässt die Musik fliessen und treibt die Band voran. Zu neuen musikalischen Ufern, in eine noch unbekannte Zukunft.

The Young Gods «Data Mirage Tangram» (Irascible). Live: Salzhaus Winterthur; 20.4.

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