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Gottfried Kellers Romane lehren uns Scheitern mit Erfolg

Gottfried Kellers grosses Thema war das Scheitern, in der Literatur wie im eigenen Leben. Doch die Romane und Erzählungen des vor 200 Jahren geborenen Schriftstellers lehren uns auch: Enttäuschungen haben ihren Sinn.
Florian Bissig
Gottfried Keller in einer Aufnahme von 1886. (Bild: Keystone)

Gottfried Keller in einer Aufnahme von 1886. (Bild: Keystone)

Wer sich einen grossen Bildungsroman wie den «Grünen Heinrich» zur Brust nimmt, stellt sich darauf ein, dass sich die Dinge gemächlich entwickeln. Gottfried Keller hat ja gegen tausend Seiten Platz, da muss er nichts überstürzen. Die Lebenserzählung des Heinrich Lee holt weit aus und beginnt noch vor seiner Geburt. Und während der Lektüre über allerlei Schlamassel und Fehltritte des jungen Heinrich formt sich allmählich die Erwartung, dass sich der Held zu guter Letzt zum glänzenden Erfolg hindurchkämpfen wird. Doch der bleibt lange aus: Es reiht sich eine Geschichte des Scheiterns an die nächste.

Heinrichs Scheitern ist das fiktionalisierte Scheitern des jungen Gottfried Keller. Als Heinrich nach einer übermütigen Lausbubentat von der Schule verwiesen wird, ist seine Kindheit vorbei. Statt sich über eine Lehre oder Anstellung ins gesellschaftliche Leben einzuordnen, nimmt sich der Teenager eine Auszeit auf dem Land. Hier entdeckt und verfolgt er zwei Leidenschaften: die Malerei und die Frauen. Beides sollte ihn noch umtreiben. Und in beidem sollte er scheitern.

Rauswurf

Wegen eines Jugendstreiches wird Gottfried Keller im Alter von 15 Jahren aus der höheren Schulbildung ausgeschlossen.

Weder die Akkordarbeit an klischierten Bildchen in Meister Habersaats Manufaktur bringt den Jungkünstler voran, noch kann ihm der renommierte Kunstmaler Römer seine idealistische Kunstauffassung austreiben. Heinrich geht aufs Ganze und reist mit seinem Erbe nach München, um im Umfeld der Kunstakademie zum Landschaftsmaler zu reifen. Doch das Geld ist aufgebraucht, bevor er ein Gemälde verkaufen kann. Er verschuldet sich und muss schliesslich seine Zeichnungen verscherbeln, um nicht zu verhungern.

Das Scheitern des grünen Heinrich ist das fiktionalisierte Scheitern des jungen Gottfried Keller.

Als sich Heinrich nach sieben Jahren zu Fuss nach Hause aufmacht, tut er dies als Versager. Er ist als Maler künstlerisch und finanziell gescheitert. Und in Liebesdingen ist seine Bilanz nicht besser: Die als Engelswesen vergötterte Anna starb ihm gleichsam aus der ersten Umarmung hinweg, und der Grafentochter Dortchen getraute er die Liebe nicht zu gestehen.

Nie

ist Keller verheiratet, Kinder hat er auch keine

Auch als Sohn macht Heinrich eine schäbige Figur. Seine Mutter musste ihr Haus verpfänden und sich mit Sorgen um ihren Sohn quälen. Als Heinrich endlich in Zürich auftaucht, ist es zu spät: Seine Mutter wird gerade beerdigt. Der Schuldbeladene kommt zum düsteren Schluss, dass er «kein Recht und keine Ehre mehr habe, unter seinem Volk mitzuwirken». Und schon bald liegt auch der gramerfüllte grüne Heinrich unter dem grünen Gras.

Man hat Kellers «Grünen Heinrich», der sich als Bildungsroman in die Tradition von Goethes «Wilhelm Meister» stellt, auch schon als Anti-Bildungsroman bezeichnet. Offensichtlich gereicht Heinrich seine Entwicklung nicht zum Glück. Indessen, geistig ist er durchaus weitergekommen. Zunächst bleibt er seiner spiritistisch-verklärenden Kunstauffassung hartnäckig treu. Doch als er bei der Heimkehr auf dem Grafenschloss mit Ludwig Feuerbachs Religionskritik vertraut wird, kommt ihm der Glaube abhanden. Heinrich, der sich stets von der Vorsehung gelenkt fühlte, wird zum Atheisten. Mit der Abkehr vom Transzendenzglauben und der Hinwendung zu einer diesseitigen Natur wäre auch der Weg frei für eine zeitgemässe, realistische Kunstauffassung. Doch Heinrich legt den Pinsel für immer weg.

Lernjahre in Zürich und München

Das Studium der Landschafts­malerei an der Akademie der Künste In München muss er nach zwei Jahren, 23 jährig, aus Armutsgründen abbrechen.

Keller überwindet produktiv den Zusammenbruch des Glaubens

Bekanntlich ist der «Grüne Heinrich» ein Werk mit stark autobiografischen Zügen. Auch Keller wuchs vaterlos in Zürich auf, wurde aus der Schule geworfen und versuchte sich als Landschaftsmaler durchzuschlagen. Auch Keller verschuldete sich, brachte kein Ölbild los und verramschte seine Zeichnungen. 1842 gab er sich geschlagen und kam aus München zurück nach Hause. Später hörte Keller Feuerbachs Vorlesungen und entnahm dessen kulturanthropologischer Sicht auf das Christentum entscheidende Impulse für sein eigenes Weltbild und seine Kunstauffassung. Doch anders als sein fiktives Alter Ego erfuhr Keller den Zusammenbruch der christlichen Glaubenssätze und der romantischen Ästhetik als Desillusionierung auch im produktiven Sinn: als Ent-Täuschung, als Überwindung unhaltbarer Sichtweisen, die den Weg freimacht für belastbarere Positionen, die den Realitäten standhalten.

160

Zentimeter gross ist Gottfried Keller. Er ist aber nicht kleinwüchsig. Die Durchschnittsgrösse der Männer liegt um 1880 bei 163,5 cm.

Und bekanntlich ist Keller nach seiner Rückkehr nach Zürich nicht gestorben, sondern wandte sich der Schriftstellerei zu. Er wurde zu einem der führenden Romanciers des Realismus – den er ausdrücklich mit einer atheistischen Poetik des Diesseits verband. Allerdings war auch der Weg des Schriftstellers kein Honigschlecken. Keller versuchte sich zuerst als Theaterautor, dies vollends erfolglos. Auch der 1854/55 erschienene «Grüne Heinrich» blieb zunächst in den Läden liegen, und Keller haderte mit den Mängeln des Romans. Erst als Keller seinen Heinrich Lee längst um das Doppelte überlebt hatte, entwickelte sich dieser Roman eines Scheiterns langsam zu einem Erfolgsroman.

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Geschwister hat Keller. 5 davon sterben kurz nach der Geburt.

Die literarische Behandlung von gescheiterten Lebensläufen und von der wohltuenden Wirkung von Enttäuschungen betrieb Keller später auch in anderen Werken. In den «Züricher Novellen» etwa tat er dies auf leichtere, satirische Weise. Die Rahmenerzählung macht keinen Hehl aus ihrer pädagogischen Funktion, wenn sie auch ironisch gebrochen ist. Der junge «Herr Jacques», ein Zürcher in der Frühpubertät, muss irgendetwas gar Hochtrabendes gelesen haben. Nun ist er besessen von der Idee, «ein Original zu sein oder eines zu werden, das heisst, sich über die runden Köpfe seiner guten Mitschüler zu erheben». Der Patenonkel nimmt sich seiner an, um ihm die Flausen mittels dreier Erzählungen auszutreiben.

Nachdem der Minnesänger Hadlaub als gutes Vorbild portraitiert wird, der wohl als «Originalgenie» durchgehen kann, sich aber auch durch Lebensklugheit auszeichnet, bekommt der «Narr auf Manegg» sein Fett weg. Der Bastardsohn aus der Zürcher Ritterfamilie versucht sich als alles Mögliche, was er eben nicht ist: Krieger, Ritter, Sänger. Erst im Tod durch die Kollision mit einer betrunkenen Fasnachtsgesellschaft wird er von seinem falschen Dünkel erlöst. Herr Jacques beginnt schon zu begreifen: Wer nicht rechtzeitig einsieht, was er sein kann und was nicht, dem ergeht es übel.

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Romane schreibt er: Der grüne Heinrich und Martin Salander.

Mit dem «Landvogt von Greifensee» wird ihm zuletzt die Geschichte eines privaten Scheiterns serviert: Der Landvogt Salomon Landolt hat sich als junger Mann bei der Brautwerbung so unmöglich angestellt, dass er nicht weniger als fünfmal auf die Nase gefallen ist und nun als Hagestolz verhöhnt wird. Doch Landolt ist nicht verhärmt. Er lädt die fünf Verflossenen auf sein Schloss ein und erklärt ihnen: «Ja, wie gut haben es Zeit und Schicksal mit mir gemeint!» Hätte ihn nicht die erste Angebetete zurückgewiesen, hätte er die zweite nicht kennen gelernt und so weiter. Er geniesse das Glück, «einen fünffachen Spiegel der Erinnerung zu besitzen, von keinem Hauche der rauhen Wirklichkeit getrübt», sagt er den überraschten Damen. Wie plausibel das ist, bleibt dahingestellt. Doch Landolt ist mit seinem gescheiterten Liebesleben versöhnt. Er akzeptiert die Tatsachen und sucht nun Erfüllung in der Entsagung.

Politische Lyrik

Als glühender Republikaner nimmt Gottfried Keller an Protestzügen gegen die Obrigkeit tell und entdeckt sein dichterisches Talent.

Wie erhofft wird der junge Herr Jacques durch diese Geschichte von seinen ungesunden Träumen geheilt. Er «verzichtete freiwillig und endgültig darauf, ein Originalgenie zu werden, sodass der Herr Pate seinen Part der Erziehungsarbeit als durchgeführt ansehen konnte», heisst es in der Rahmenhandlung schnörkellos und mit unüberhörbarer Ironie.

Aus dem gescheiterten Künstler wird ein brauchbarer Beamter

Nach den «Züricher Novellen» wandte sich Keller der Überarbeitung des «Grünen Heinrich» zu. Der 60-jährige Keller wirft nun einen versöhnlicheren Blick auf das Scheitern seines Helden. Heinrich kommt am Schluss rechtzeitig nach Zürich, um seiner sterbenden Mutter wenigstens die Hand zu halten, und grämt sich ob seiner Schuldgefühle nicht zu Tode. Er nimmt eine Stelle in einer Gemeindeverwaltung an und kann so «bei bescheidener und doch mannigfaltiger Wirksamkeit in der Stille leben».

Studium und erste Romane

Der Kanton Zürich ermöglicht Ihm in Heidelberg Geschichte und Staatswissenschaften zu studieren. In Berlln lebt e darauf in ärmlichen Verhältnisse als freier Schriftsteller. Seine ersten Werke, Der grüne Heinrich und Die Leute von Seidwyla, werden zwar beachtet, Geld verdienen kann er mit der Schriftstellerei aber bis jetzt nicht.

Und dann kehrt erst noch Judith, die attraktive, sinnesfreudige Witwe und Freundin der Jugendjahre, aus Amerika zurück, um ihr Leben an Heinrichs Seite zu verbringen. Nicht als Ehefrau zwar, und nur bis zu ihrem verfrühten Tod. Dennoch darf sich der grüne Heinrich in der zweiten Fassung also, versöhnt mit seinem Scheitern, wenigstens privat behaglicher Umstände erfreuen.

Am Scheitern des Malers wird indessen auch in der umgearbeiteten Fassung nicht gerüttelt. Dabei wäre mit der märchenhaften Episode auf dem Grafenschloss durchaus die Ausgangslage da, Heinrichs Geschichte in eine Erfolgsgeschichte umzukehren. Der Graf – der gütige väterliche Freund – hatte bereits Heinrichs Werk vom Trödler aus Liebhaberei gekauft, und er wäre bereit, ihn als Künstler weiter zu unterstützen.

Berufung zum Staatsschreiber

Im Alter von 42 Jahren wird Keller für 15 Jahre zum ersten Staatsschreiber des Kantons Zürich berufen. Er verdient stattliche 5000 Franken im Jahr. Im Vergleich: Der Durchschnittslohn eines Textilarbeiters beträgt 500 Franken.

Doch mehr Märchen mag sich Heinrich nicht gefallen lassen. Nicht mehr die Gestalt des Menschen, als Maler, «sondern dessen lebendiges Wesen und Zusammensein» wolle er zum Beruf wählen, als Staatsbeamter, erklärt er dem Grafen. Aus einem gescheiterten Künstler kann also noch immer ein brauchbarer Beamter werden. Das ist zwar nicht schmeichelhaft für den Staatsapparat – dem Keller inzwischen selber während fünfzehn Jahren angehört hatte – aber es ist schlüssiger Ausdruck davon, dass Heinrich sein Scheitern akzeptiert hat und dass seine Enttäuschung endgültig ist

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