Er hat mit Wohlfühl-Spiritualität Erfolg

Pater Anselm Grün segnet Bankangestellte und erreicht mit seinen Büchern Millionenauflagen. Doch die Ferien sind dem bekannten Benediktiner heilig. Für die Appenzeller Bachtage hat er eine Ausnahme gemacht.

Bettina Kugler
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Anselm Grün wollte Missionar werden, der Orden liess ihn Betriebswirtschaft studieren. (Bild: Benjamin Manser)

Anselm Grün wollte Missionar werden, der Orden liess ihn Betriebswirtschaft studieren. (Bild: Benjamin Manser)

Erstaunlich, dass er nicht längst schon einmal eingeladen war, als Gast der J. S. Bach-Stiftung Text und Musik einer Kantate auszulegen, so wie es an den Aufführungen in Trogen und Teufen üblich ist. Denn Pater Anselm Grün versteht es wie nur wenige, den Menschen in einfachen und klaren Worten die Grundlagen eines guten Lebens nahezubringen – ohne billige Ratschläge. Er kennt die Ansprüche und Konflikte in einer auf Leistung getrimmten Gesellschaft, in einer sich rasant wandelnden Welt. Zugleich versteht er etwas vom Geld, vom sorgsamen Umgang damit.

Er ist Theologe und Seelsorger, erfolgreicher Buchautor, gefragter Talkshowgast. Grosse Unternehmen laden ihn zu Weiterbildungen ein; er redet mit Managern und referiert vor Bankangestellten. Mit 19 trat der heute 73-Jährige in den Orden ein. Seit über 50 Jahren lebt er im Kloster Münsterschwarzach bei Würzburg. Von dort aus jettet er durch die Welt. Dort schreibt er seine beliebten Bücher.

Am Morgen nach dem ersten von zwei Teufner Kantatenkonzerten hat Pater Anselm Zeit für ein Treffen in St. Gallen. Auch dazu konnte er nicht nein sagen – wie zu der Einladung der Bachstiftung. Dabei fiel der Termin in seine Ferien: eine Zeit, in welcher der vielbeschäftigte Benediktiner keine E-Mails und Anfragen beantwortet. Stattdessen besucht er seine Geschwister und tauscht das schwarze Ordensgewand gegen Wanderhosen.

Bestseller garantiert: die «Marke» Anselm Grün

Jetzt aber ist er da, im Habit, zusammen mit seiner Schwester, und staunt über die Schönheit der St. Galler Kathedrale. Er sieht sie zum ersten Mal von innen; vor der Tür sprechen ihn zwei Touristinnen aus China an und fragen ihn, ob sie zum Beten hineindürften. Freundlich gibt Pater Anselm Auskunft; im Weitergehen kann er sich ein Lächeln nicht verkneifen. Er passt als Benediktiner einfach gut an diesen Ort, den er gerade für sich entdeckt: eine Oase der Ruhe im Getriebe ringsum.

Über solche Räume des Innehaltens hat er kürzlich ein Buch veröffentlicht: «Staunen. Die Wunder im Alltag entdecken», ein typischer Anselm-Grün-Titel. Das Christliche winkt da nicht bereits auf dem Buchdeckel mit dem Zaunpfahl. Manche werfen ihm genau das vor: Er verwässere die Botschaft, er mache sie verwechselbar im grossen Angebot der Wohlfühl-Spiritualität. Doch das ist Sache der Verlage. Verlässlich und konstant sichert ihnen die Marke Anselm Grün hohe Auflagen; die Bücher verkaufen sich gut. Kein Wunder, dass kaum eines davon ohne das einprägsame Mönchsporträt auf dem Cover erscheint. Sein weisser Bart hat Wiedererkennungswert.

«Das Wort Frage kommt von Furche»

Dass solche Äusserlichkeiten Anselm Grün herzlich egal sind, zeigt sich schnell. Er wiederholt nicht routiniert, was er in mehr als 300 Büchern schon geschrieben hat. Er stellt sich auf sein Gegenüber ein, hört ruhig zu und erweist sich vor allem als Leser mit phänomenalem Gedächtnis. Antike Philosophen zitiert er ebenso häufig wie Dichter und Schriftsteller; eines seiner liebsten Bücher ist neben der heiligen Schrift das Etymologische Wörterbuch. Wie gern er darin Wortbedeutungen auf den Grund geht und aus der Herkunft viel gebrauchter, doch selten hinterfragter Wörter Sinn schöpft, fällt beim Lesen seiner Texte auf.

Darauf angesprochen, antwortet Anselm Grün mit einer Frage: «Wussten Sie, dass Frage von Furche kommt?» Wer fragt, bricht die Oberfläche auf. Er sucht nach dem, was sich darunter verbirgt. Was daraus wachsen kann. Pater Anselm stellt sich gern Fragen; so entstehen seine Bücher.

«Ich lese dann viel zum Thema, mache mir Notizen, fange einfach an. Überarbeiten kann ich es später immer noch.»

Meist schreibt er parallel an mehreren Texten. Bis vor kurzem, als er noch Cellerar war und als solcher die klösterlichen Betriebe leitete, reservierte sich Anselm Grün feste Schreibzeiten: dienstags und donnerstags in aller Herrgotts­frühe. Jetzt ist er etwas freier.

Staunen beim Zähneputzen und beim Kantatenhören

Staunen ist Teil seines klösterlichen Lebens, eine in vielen Jahrzehnten nicht nur im Gebet eingeübte Haltung. Den Augenblick auskosten, in ihn hineinlauschen und aus ihm Kraft schöpfen kann man auch beim Zähneputzen, beim Treppensteigen, Autofahren oder beim Hören einer BachKantate, davon ist Pater Anselm Grün überzeugt. Oft legt er geistliche Musik ein, wenn er im klostereigenen Golf spätabends von einem seiner vielen Vorträge heimfährt; oft ist es Bach. Ein Grund mehr, die Wanderferien für einen Abstecher ins Appenzellerland zu unterbrechen.

Auf seine Kantatenreflexion hat er sich wie gewohnt gründlich vorbereitet. Dass Bach nicht moralisiert, sondern eine optimistische Grundmelodie findet, gefällt ihm.

«So geschieht beim Hören etwas Heilsames, es hat eine reinigende Wirkung. Musik bringt uns in Berührung mit Gottes Liebe.»

Pater Anselm vergleicht dies mit Platons Vorstellung von guten inneren Bildern. Er selbst versucht diese Kraft in seinen Referaten und Büchern erfahrbar zu machen. «Viele Menschen schöpfen heute aus trüben Quellen», sagt er. «Sie erliegen einem gnadenlosen Perfektionismus, wollen die Erwartungen anderer erfüllen, verbrauchen viel Energie für ihre Arbeit an der Fassade.»

Er will verschüttete Schätze zutage fördern

Gerade deshalb sind ihm Rituale wichtig. Wann immer er als Referent eingeladen ist, schliesst er mit einem Gottesdienst ab, mit einem Segen, zumindest einem Moment der Stille.

«Ich wähle beispielsweise ein altes kirchliches Abendgebet. Viele kennen das nicht, sie denken bei Kirche an Moral und Schuld.»

Ursprünglich wollte er Missionar werden, den Glauben in die Welt tragen. Im Kloster bekam er die Verantwortung über das Geld. Er nahm sie an, als Möglichkeit, in Sinnvolles zu investieren. Missionar wurde er trotzdem – mit seinen Büchern. Aber einer, der nicht missionieren, lieber mit einem Schatz in Berührung bringen will.