«Gotischer» Horror und zarte Liebe: Carlos Ruiz Zafón

Mit «Der Schatten des Windes» und «Das Spiel des Engels» gelangen dem 1964 in Barcelona geborenen Carlos Ruiz Zafón zwei Weltbestseller.

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Carlos Ruiz Zafón (Bild: pd)

Carlos Ruiz Zafón (Bild: pd)

Mit «Der Schatten des Windes» und «Das Spiel des Engels» gelangen dem 1964 in Barcelona geborenen Carlos Ruiz Zafón zwei Weltbestseller. Entsprechend gespannt war man jetzt auf die deutsche Übersetzung des bereits 1999 im Original erschienenen Romans «Marina». Dieser mit einer zarten Pubertätsliebe verquickte Schauerroman schöpft mit oft grellen, aber wirksamen Effekten tief aus der Schwarzen Romantik des 19. Jahrhunderts. Nicht von ungefähr kommt bei Zafón eine Maria Shelley vor – Reverenz an Mary W. Shelley, die Frau des Dichters Percy B. Shelley. 1818 machte sie mit «Frankenstein» Furore. Bis in unsere Moderne.

Gotische Schauergemäuer

Auch bei Zafón baut ein Erfinder Menschenpuppen zusammen, aus Leichenteilen und gewöhnlichem Material. Gelegentlich erwachen sie zu höllischen Aggressionen. Auf verwunschenen Pfaden geraten der fünfzehnjährige Ich-Erzähler scar und seine angebetete Marina in ein schauriges Gewächshaus mit den erwähnten Lebendmarionetten. Später geht es auf einen Friedhof, in Abwasserkanäle und in ein geheimnisvolles Haus in Barcelonas barrio gótico. Eine schwarz verhüllte Dame taucht auf, einst durch ein Säureattentat entstellt. Gegen Schluss entkommen Marina und scar einer gewaltigen Feuersbrunst, natürlich denkbar knapp. Über allem schwebt als Symbol ein schwarzer Schmetterling, der sich von der eignen Brut ernährt.

Die Nacherzählung der verwickelten Story würde einen ganzen Zeitungsbund erfordern. Auf eines versteht sich der Autor bei alledem: Sogar wenn man unter der Häufung der Thriller-Effekte zu ermüden droht, schafft er es doch, uns bei der Stange zu halten, indem er virtuos die Lösung eines Geheimnisses zum neuen Geheimnis macht. Da hilft nichts: Man muss fertig lesen.

Im Grunde ist dieser Fantasy-Thriller, der auch an Harry Potter erinnert, die Geschichte eines Initiationsritus, voller Angstlust und Lustangst. scar, wie einst Zafón abgeschottet erzogen in einem neogotischen Jesuiteninternat Barcelonas, erlebt Gänge in die unbekannte Aussenwelt der Stadt jäh als rätselhaften Albtraum. So liest sich das Romangeschehen als Folge von Aussenbildern hochexplosiver Innenbilder eines Heranwachsenden.

Packendes Gesellenstück

Zafón nennt «Marina» seinen «vielleicht persönlichsten Roman». Sein «gotisches» Internat mit seinen Türmen und verschlungenen Gängen weckte nach eigenen Worten die Lust am Erzählen. Und «Gothic Novel» meint ja «Schauerroman».

«Persönlich» wirkt die eigenartige Mischung von Jugendglanz und -melancholie der ersten Liebe vor und hinter der Schauerkulisse. Die stillen Partien am Anfang und am Schluss rühren besonders an im Kontrast zur Höllenfahrt durch Dunkel, Schatten, Feuer, Blut, Tod, Grab und Gestank.

«Marina» ist noch kein Meisterwerk, aber das Gesellenstück eines Hochbegabten. Zafón verfügt bereits über eine suggestive Bildsprache, bewältigt jedoch ihre Fülle oft noch nicht. Doch der täuschend idyllische, behutsame Einstieg samt der scheu-intensiven Begegnung von Marina und scar, unter fast unmerklichen Vorzeichen des späteren Horrors – da schreibt schon der grosse Zafón.

Heiko Strech

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