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Göring nannte es «Bockmist»

Othmar Schoecks Oper «Das Schloss Dürande» galt lange als eine Nazi-Oper. In Bern wird jetzt die Musik rehabilitiert - mit einem neuen Text.
Rolf App

Das Schreiben ist kurz, aber deutlich. Es meldet sich der für die Theater in Hitlers Reich zuständige Reichsmarschall Hermann Göring. «Habe soeben das Textbuch der zur Zeit aufgeführten Oper Schloss Duerande gelesen», teilt er per Telegramm mit. Und fährt fort: «Es ist unfassbar, wie die Staatsoper diesen aufgelegten Bockmist aufführen konnte. Der Textdichter muss ein absolut Wahnsinniger sein.»

Worüber sich das Nazi-Schwergewicht derart aufregt, bleibt unklar. Ist es die Explosion am Ende, die bei der Premiere am 1.April 1943 Panik ausbrechen lässt, weil das Publikum an einen erneuten Luftangriff der Alliierten glaubt? Der Textdichter Hermann Burte ist unverdächtig, da bekennender Nationalsozialist. Und Othmar Schoeck, der Schweizer Komponist, geniesst in Deutschland einen guten Ruf, auch wenn er im Privaten gern über die Deutschen schimpft – und dabei vor allem seine deutsche Frau meint (die ihn umgekehrt einen «Hofkomponisten der Nazis» nennt). Wie auch immer: Nach nur vier Vorstellungen wird «Das Schloss Dürande» in Berlin unter einem Vorwand abgesetzt, auch in der Schweiz bleibt die Aufnahme lau.

Ein Spiegel dessen, was in Deutschland geschieht

So verschwindet die Oper, auf deren Stoff Schoeck drei Jahrzehnte zuvor von Hermann Hesse aufmerksam gemacht worden ist, im Dunkel politischer Verdächtigung. Was Göring als Bockmist bezeichnet hat, gilt späteren Generationen als Nazi-Oper. Obwohl Hans Frölicher, im Krieg Schweizer Botschafter in Berlin, sie als Spiegel dessen sah, «was heute in Deutschland geschieht».Jetzt aber soll «Das Schloss Dürande» auferstehen. Zwei Mal wird die Oper in Bern konzertant gespielt, eine szenische Aufführung ist in Planung. «Für mich ist das ein Zwischenschritt», sagt Mario Venzago, der am Dirigentenpult steht, und der gerade von der Probe kommt. «Wir sind gerade dabei, uns von Tonnen von Druckfehlern zu befreien», sagt er. «Die Musik ist vielschichtig, das Werk schwierig. Das Problem ist nicht sie, da ist nicht etwa ein <Endsieg> vertont worden. Das Problem war das Libretto.»

Dass Burtes Text und Schoecks Musik einander nicht ebenbürtig sind, hat es einem Forschungsteam der Hochschule der Künste Bern erleichtert, dieses Libretto zu überarbeiten und es stärker der Originalvorlage anzunähern, einer Erzählung von Joseph von Eichendorff. Francesco Micieli hat von Burte reichlich eingestreutes Nazivokabular ersetzt, Venzago die musikalischen Anpassungen vorgenommen. Das ganze Projekt ist in einem Buch dokumentiert.

Der Komponist als politischer Schlaumeier

Doch kann man die Sache nicht allein Burte in die Schuhe schieben. Othmar Schoeck selber hielt sich politisch gern im Ungefähren auf. Von der Einstellung her «eher ein Linker», wie Venzago sagt, pflegte er «die besten Beziehungen zu eingefleischten Frontisten wie dem Anwalt René Niederer und gleichzeitig zu so aufrechten Antifaschisten wie Hesse», schreibt sein Biograf Chris Walton. Er habe auch keinen Moment gezögert, 1937 einen Kulturpreis entgegen zu nehmen, dessen nationalsozialistische Stossrichtung klar war.

Die Kritik im eigenen Land blieb nicht aus. Bissig stellt Walton fest, Schoeck habe sich kurz nach der Machtübernahme der Nazis von ihnen distanziert, als seine Musik sich jenseits der Grenzen nur geringer Nachfrage erfreute – und sich auf den «unpolitischen» Charakter der Kunst just zu dem Zeitpunkt besonnen, da ihm in Deutschland Erfolg beschieden war. Dass er keinerlei Bedenken hatte, «Das Schloss Dürande» in Berlin zur Uraufführung zu bringen, gehört in dieses Kapitel politischer Schlaumeierei.

Othmar Schoecks neu gefasste Oper «Das Schloss Dürande» wird im Rahmen der Berner Symphoniekonzerte am 31. Mai und 2.Juni konzertant aufgeführt. Das Buch zum Projekt: Thomas Gartmann (Hg.): Zurück zu Eichendorff, Chronos 2018, Fr.53.90

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