Pop
Goldfrapp zeigt sich auf seinem neuen Album verwandlungsfreudig

Goldfrapp ist das einfallsreichste britische Popduo neben den Pet Shop Boys. Ihr neues Album «Silver Eye» gibt sich pulsierender und elektronischer.

Steffen Rüth
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Alison Goldfrapp bei einem Konzert am Blue Balls Festival in Luzern 2014.

Alison Goldfrapp bei einem Konzert am Blue Balls Festival in Luzern 2014.

Keystone

«Also, hinfliegen möchte ich nicht», so Sängerin, Texterin und Co-Komponistin Alison Goldfrapp auf die Frage zu ihrer Beziehung zum Mond, dem Titel-Inspirateur des neuen Albums «Silver Eye». Goldfrapp, eine sehr naturverbundene, auf eine undurchdringliche Weise zugleich exaltiert wie bodenständig wirkende Künstlerin, die in einem Berliner Privathaus die Interviewpartner abfrühstückt, während sie im Inneren davon träumt, jetzt sofort schwimmen zu gehen, am liebsten in einem kleinen See.

Da sind wir nämlich bei Frau Goldfrapps Mondgeschichte. «Einmal im Monat packte mein Vater uns alle ins Auto, und wir fuhren ans Meer, Vollmond gucken. Das war eine Fahrt von anderthalb Stunden und an Schultagen nicht immer ideal, aber uns gefiel das schon sehr.» Die Goldfrapps haben sechs Kinder. «Es war exzentrisch und verrückt und geil. Wenn es warm genug war, gingen wir schwimmen, und immer sassen wir im Wald und lauschten der Natur.» Dann fuhren sie wieder nach Hause.

Zum Die-Hüften-Mitschwingen

Verwandlungen (von Ebbe zu Flut in «Ocean», von Tier in Mensch in «Tigerman», vom falschen Geschlecht ins richtige in «Become The One») prägen die neuen Songs inhaltlich. Überhaupt: Sie prägen diese Band. Dass Alison Goldfrapp (50) und Will Gregory (57) ihr gemeinsames musikalisches Wirken von Anbeginn an, also seit dem Debütalbum «Felt Mountain» aus dem Jahr 2000, der permanenten Veränderung aussetzen, ist so weit ja keine bahnbrechend neue Erkenntnis, sondern längst Kanon. Auf «Silver Eye» bleibt das britische Odd Couple dieser Herangehensweise verhaftet, die Platte ist bei weitem pulsierender und elektronisch verstärkter geraten als das in sich gekehrte, fast akustische Vorwerk «Tales Of Us» (2013). «Anymore», «Systemagic», «Tigerman», das ist allererste Synthie-Rhythmus-Schwing-die-Hufe-Sahne.

Auf der anderen Seite des Spektrums, auch eine solche gibt es diesmal, das Album bietet nämlich mehr Facetten als im Goldfrapp-Durchschnitt, haben sich stille Stücke wie «Faux Suede Drifter» und «Zodiac Black» angesiedelt. «Bei Goldfrapp weiss man nie, was als Nächstes passiert», behauptet Alison, «wir selbst wissen das ja auch nicht.»

«Es geht uns um Entdeckungen»

Manche fänden das cool, manche auch bescheuert, «aber alle Gehirne müssen sich daran gewöhnen, dass es bei uns um Entdeckungen geht und darum, Sachen auszuprobieren. Auf dem neuen Album wünschten wir uns mehr Farbe, mehr Licht, aber auch Schatten und unterschiedliche Atmosphären.»

Zum ersten Mal überhaupt zog das Duo Aussenstehende hinzu, etwa den texanischen Produzenten John Congleton (der gerade auch die neuen Alben von Nelly Furtado und Blondie betreut hat), den Eno-Mitarbeiter Leo Abrahams sowie sozusagen als Schlussredaktor des Albums Mute-Records-Gründer und Goldfrapp-Entwickler Daniel Miller. «Neue Leute waren wichtig für uns. Erst hatten wir Angst, und dann wurde es richtig gut. Wie fast bei allen Dingen im Leben.» Als zusätzliche künstlerische Innovation fotografiert Alison Goldfrapp jetzt auch, ihre Bilder sind im CD-Booklet zu sehen.

Goldfrapp Silver Eye (Mute). Ab 31. 3.