Gnadenlos bis zur Apokalypse

Mit Bernd Alois Zimmermanns «Die Soldaten» unter der Regie von Calixto Bieito startet das Opernhaus Zürich fulminant in die neue Saison.

Tobias Gerosa
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Szene aus «Die Soldaten» im Opernhaus Zürich. (Bild: Opernhaus Zürich/Monika Rittershaus)

Szene aus «Die Soldaten» im Opernhaus Zürich. (Bild: Opernhaus Zürich/Monika Rittershaus)

Wer erleben will, wie eindrücklich Musiktheater des 20. Jahrhunderts sein kann, der muss die Oper «Die Soldaten» von Bernd Alois Zimmermann sehen. Das Opernhaus Zürich zeigt sie in einer schlüssigen Produktion des Regisseurs Calixto Bieito und des Dirigenten Marc Albrecht, die bei der Premiere bejubelt wurde.

Das Stück von 1965 galt zuerst als unspielbar. Der Aufwand ist auch 48 Jahre danach gross und nur für ein wohlausgestattetes Haus zu leisten (und es ist an diesen Häusern, ihn zu leisten). Zwar nahm Zimmermann das Sturm-und-Drang-Drama «Die Soldaten» des Goethe-Zeitgenossen Jakob M. R. Lenz als Vorlage, doch schrieb er in seine Partitur, die Handlung spiele «gestern, heute und morgen»; in dem er sich fürs Schlussbild eine Atompilz vorstellte, verortete er die Handlung in seiner Gegenwart des Kalten Krieges.

Musik als Hauptdarstellerin

Die Kostüme und Frisuren, die Ingo Krügler den Figuren anpasste, zitieren diese Zeit. Das knallgelbe Gerüstsystem, mit dem Rebekka Ringst die Bühne des Opernhauses füllt, ist dagegen zeitlos-heutig. Oben, verteilt auf verschiedene Niveaus, sitzt das Orchester. Dirigent Marc Albrecht leitet es mit dem Rücken zu den Sängern, die fast immer auf der Vorbühne, dem überdeckten Orchestergraben, agieren. Die Musik wird dadurch sichtbar zur Hauptdarstellerin, was vielleicht der noch grössere Gewinn an diesem Konzept ist als die fast schmerzhafte Nähe der Sänger oder des Aufbrechens der klassischen Guckkasten-Theatersituation. Sie ist allerdings auch problematisch: Von einigen sonst guten Plätzen ist so nur das Orchester sichtbar.

Konzentriertes Kammerspiel

Der so umstrittene Regisseur Bieito zeigt das Stück auf der leeren Vorbühne konzentriert, als ein Kammerspiel, das nur selten Zuspitzungen braucht. Wer seine Klischees vom Gewalt-Bebilderer Bieito bestätigt haben will, kann sich in den drastischen Szenen der Soldateska bestätigt sehen. Doch auch sie sind genau gehört und gearbeitet. Über weite Strecken jedoch belässt die Inszenierung der Musik den Vorrang. Fast pur wird die Geschichte der Bürgerstochter Marie, die von Soldat zu Soldat weitergereicht wird und gnadenlos zerstört wird, erzählt. Nicht konsequent einheitlich zwischen Naturalismus und Stilisierung, aber immer eindringlich und mit vollem Einsatz des Ensembles. Herausragend: Michael Kraus als Stolzius, dem die Soldaten die Braut ausspannen, und mit ein paar szenischen Einschränkungen auch Peter Hoares Desportes (so gar nicht der Typ Verführer) und Susanne Elmarks Marie, der man etwas mehr Rollenentwicklung wünschen würde.

Ausserordentlich macht den Abend aber primär die Musik. Sie ist komplex gebaut, erschliesst sich aber auch (oder zuerst) emotional. Dirigent Albrecht arbeitet das genauso plastisch heraus wie die verschiedenen Schichten der Partitur. Das wirkt spätestens beim apokalyptisch lauten, aber ganz leise verschwindenden Schluss überlegt und berührend gleichzeitig. Ein starker Abend.

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