GLOCKEN: Das Innenleben der St.Galler Kirchtürme

Das Konzert, an dem alle St.Galler Glocken erklangen, brachte letztes Jahr einen Besucheransturm und breite Wahrnehmung. Jetzt präsentiert ein schön gestaltetes Buch sämtliche Kirchenglocken der Stadt.

Martin Preisser
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Die Glocke von St.Laurenzen in St.Gallen. (Bild: Benjamin Manser)

Die Glocke von St.Laurenzen in St.Gallen. (Bild: Benjamin Manser)

118 Glocken läuteten von 29 Türmen. Zum Klingen gebracht von vier Dutzend freiwilligen Glöcknerinnen und Glöcknern. 25 Kilogramm wog das kleinste Glöckchen. Sechzehn Kilometer betrug der Abstand zwischen der östlichsten und westlichsten Glocke auf St.Galler Stadtgebiet. In der Schriftenreihe der Stadt St.Gallen ist jetzt ein ansprechendes Buch über diesen spektakulären Anlass erschienen. In bester bibliophiler Manier und in der gewohnten Qualität der Büchermacher der Verlagsgenossenschaft St.Gallen dokumentiert das Buch nicht nur das über die nationalen Grenzen hinaus beachtete Musikprojekt "Zusammenklang".

Es nimmt das Konzertereignis vom 21. August 2016 zum Anlass, alle St.Galler Kirchenglocken in einem Kompendium darzustellen. Gussjahr, Typ, Durchmesser, Art des Klöppels, Klanganalysen: Zahlen, über die man beim täglichen Glockenschlag nicht bewusst nachdenkt, machen das Innere von Türmen plötzlich fassbar. Dieser lexikalische Buchteil basiert auf einem Glockeninventar, das Hans Jürg Gnehm zwischen 2003 und 2006 erstellt hat.
 

Eine Hommage an die Wahlheimat

Erst dieser genaue Überblick hat eine Komposition wie "Zusammenklang" ermöglicht, für die massgeblich zwei Wahlsanktgaller, die Komponistin Natalija Marchenkova Frei und der Tubist des Sinfonieorchesters, Karl Schimke, verantwortlich waren. Für beide war das Glockenkonzert, dem sicher rund 10'000 Menschen zugehört haben, auch eine bewusste Hommage an ihre Stadt. Das Buch zeigt mit den in Türmen versteckten Glocken quasi die dunkle Seite der Stadt. So ist das Glockenlexikon in weisser Schrift auf schwarzem Grund gehalten. Und man erfährt etwa, dass das Geläut der St.Galler Kathedrale mit ihren insgesamt 13 Glocken nicht immer unumstritten war, dass es bekämpft und immer wieder einmal für ein neues plädiert wurde. Mit Baujahr 1702, gegossen von zwei Giessern aus Feldkirch und Lindau, ist die Gallus-Glocke die älteste der Sammlung.

Das Projekt "Zusammenklang" hat viel bewegt und ist das erfolgreiche Ergebnis einer Vision. Viel Mut hat dazugehört, solch ein riesiges und von vielen äusseren Faktoren abhängiges Instrument vierzig Minuten lang bespielen zu lassen. Modernste Technik ist da auf alte, historische Glockengiesserkunst getroffen.

Der Event, der die Bandbreite und den Reichtum des St.Galler Glocken-Klangraums eindrücklich widerspiegelte, hat viele Menschen begeistert. Aber auch kritische Stimmen, die vielleicht einen akustisch spektakuläreren Glockenauftritt erwartet hatten, fehlten vor einem Jahr nicht. Den Anlass selbst lässt der ehemalige "Tagblatt"-Chefredaktor Philipp Landmark in einem Essay nochmals aufleben. "Das Lächeln der Glocken" hat er poetisch getitelt. Und gerade auch den Aspekt des leisen Spektakels nochmals unterstrichen.  

So wie das Konzert den Zuhörer die Stadt mit anderen Ohren hören liess, kann man sich in diesem spannenden Buch über die Glocken und das Innenleben der Kirchtürme visuell ganz neu und ungewohnt der Kulturstadt St.Gallen nähern. Eine CD mit dem Konzertmitschnitt und einigen Glockenklängen liegt bei und rundet das Buch ab.

Das Buch ist in der Schriftenreihe der Stadt St.Gallen bei der Verlagsgenossenschaft St.Gallen VGS erschienen. Für Fr. 38.- in Buchhandlungen sowie unter vgs-sg.ch erhältlich.