Gleitschirmflieger im Sennenstreifen

Die aktuelle Ausstellung in der Galerie Tartar erforscht die Tradition der Appenzeller Senntumsmalerei und erlaubt dabei Nebenblicke in die Medien Fotografie, Plastik und Skulptur. Die Qualität der Arbeiten wirkt recht heterogen.

Kristin Schmidt
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Sennentum alt und neu: Tartar lädt zu Entdeckungsreisen in bäuerliche Welten. (Bild: Luca Linder)

Sennentum alt und neu: Tartar lädt zu Entdeckungsreisen in bäuerliche Welten. (Bild: Luca Linder)

Sie stehen mit beiden Beinen auf der Erde, mit Beinen wie Säulen, deutlich grösser proportioniert als der übrige Körper. Menschen mit solchen Beinen wirft so schnell nichts um. Fredy Ritter verleiht seinen Sennen rechten Halt in der Welt. Zwar wirken sie weniger statisch als schematisierte Sennendarstellungen, doch strahlen sie als Motiv eine Präsenz aus, die nicht selbstverständlich in der Bauernmalerei ist. Dies lässt sich in der Ausstellung der Galerie Tartar gut nachvollziehen. Unter dem Titel «Senntum et Novum» wird eine breit angelegte Auswahl von Bildern gezeigt, die mal mehr, mal weniger mit Sennenmalerei zu tun haben und auch Gebirgsdarstellungen, Landschaftsskizzen des ehemaligen Vorstehers des Innerrhoder Finanzdepartements, Josef Moser, oder Einzelbeispiele aus Mäddel Fuchs' Fotoserie «Hag um Hag» umfassen.

Zu wenig strenge Auswahl

Wie in vergangenen Ausstellungen der Galerie wirken die Arbeiten in ihrer Qualität sehr heterogen. Der Galerist verzichtet konsequent auf Wertungen und zeigt weitläufige Assoziationen zum Thema Brauchtum und was er dazu versammeln konnte, denn nicht alle gewünschten Arbeiten waren verfügbar. Insgesamt dominiert der Eindruck, weniger wäre mehr gewesen, und eine strengere Auswahl der Werke würde nicht nur dem Gesamtcharakter der Präsentation, sondern auch den einzelnen Arbeiten zugute kommen.

Doch wer sich auf die Ausstellung einlässt, wird gleichwohl einiges entdecken, das einer Betrachtung lohnt. Die Fahreimerbödeli und Bilder Fredy Ritters fallen in diese Kategorie ebenso wie manches anonyme Werk aus früheren Zeiten. Etwa jenes Porträt eines gelben Bauernhauses. Es ist keineswegs perfekt bis ins Detail ausgearbeitet, doch was dem Besitzer wichtig war, hat der Maler hervorgehoben: Die Vorhänge hängen aussen vor den Fenstern und erzählen vom Stolz ihrer Besitzer.

Auf aktuellen Bildern sind es andere Details, die ins Auge fallen. So negieren einige Maler zeitgenössische Details vollständig, während andere sie selbstverständlich in den sennischen Ausdruck integrieren. Eine Kinderschaukel, Badende im Seealpsee, Gleitschirmflieger über der Ebenalp oder die Plakette im Ohr der Kuh sind kein Problem, sondern Beiwerk im Sinne der Gegenwärtigkeit. Von einigen Künstlern sind grössere Werkgruppen versammelt. So lässt sich beispielsweise die reiche Bildwelt Erich Straubs erkunden. Feinfühlige Porträts von Mensch und Tier stehen neben phantastischen, farbenfrohen Traumszenen: «Der Appenzeller im Himmel» wird begleitet von einer sich selbst melkenden Kuh.

Rinder als Urwesen

Ein grosses Konvolut zeigt die Ausstellung von Mathias Krucker. Der junge Schwellbrunner zeigt eine erfrischend unkonventionelle Sicht aufs Senntum. Seine Protagonisten sind mehr Cowboys als Bauern, die Rinder kommen auf extrem hochformatigen Einzelbildern als wilde Urwesen daher. Wird der Leib der Kuhskulptur geöffnet, entpuppt sich der Kasten als Bar.

In der Besucherinformation heisst es: «Am Alpstein hat sich eine ganze Heerschar von Artisten formiert, welche mit ihrer Kunst einen artifiziellen Zaun um ihr liebstes Kulturgut legen, auch um dieses vor den entrückenden Einflüssen des Neuen zu schützen.» Ohne diese klischeebehafteten Malereien zu diskreditieren, zeigt die Ausstellung, wie sich Tradition anverwandeln lässt, indem ein offener Blick für die Realität bewahrt wird.

Bis 18. Mai. Tartar (Hintere Poststrasse 2)