Gleichzeitig lachen und weinen

Das wunderbare Quartett der aus Albanien stammenden Elina Duni spielt leidenschaftlichen Balkan-Jazz im Schnittpunkt zwischen Euphorie und Melancholie. Am Samstag im «Gambrinus».

Tom Gsteiger
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Elina Duni interpretiert leidenschaftlich modernen Balkan-Folk-Jazz. (Bild: pd/Francesca Pfeffer)

Elina Duni interpretiert leidenschaftlich modernen Balkan-Folk-Jazz. (Bild: pd/Francesca Pfeffer)

Diese Musik löst ein Wechselbad der Gefühle aus: Man wird von ihr mitgerissen und aufgewühlt, glücklich und nachdenklich gestimmt – und manchmal möchte man gleichzeitig lachen und weinen. Mit ihrem Quartett, zu dem mit Colin Vallon (Piano), Bänz Oester (Bass) und Norbert Pfammatter (Schlagzeug) drei helvetische Meister des progressiven Interplay-Jazz gehören, hat die in Albanien geborene Sängerin Elina Duni eine hypnotische Musik entwickelt, in der sich die Essenz der Balkan-Folklore und die Dreistigkeit des Jazz gegenseitig befruchten.

Charismatische Präsenz

«Man muss nicht vom Balkan sein, um diese Musik zu spüren», sagt Elina Duni, schliesslich gehe es um universale Themen wie Liebe, Tod, Trauer oder Vergänglichkeit. Weil es ihr wichtig ist, dass das Publikum weiss, wovon die Texte, die sie auf Albanisch, Bulgarisch, Griechisch, Türkisch und Rumänisch singt, handeln, fasst sie deren Inhalt jeweils kurz zusammen.

Tatsächlich erhalten die Lieder eine zusätzliche Dimension, wenn man gewahr wird, wie in ihnen Inhalt und Form auf paradoxe Weise auseinanderklaffen können – etwa wenn ein tieftrauriger Text auf tänzerisch-lüpfige Rhythmen trifft.

Kommt hinzu, dass Elina Duni über eine warme, dunkle, biegsame und überaus expressive Stimme sowie eine charismatische Bühnenpräsenz verfügt und deshalb in der Lage ist, jeder Gefühlsnuance einen adäquaten Ausdruck zu verleihen.

Mit der breitgefächerten Stückauswahl setzt Duni ein Zeichen gegen nationalistische Borniertheit, sie will die Einheit des Balkans betonen. Zugleich sieht sie die Musik ihres Quartetts auch als «Revolte gegen den Imperialismus des Englischen».

Musik als Refugium

Wenn Elina Duni von ihrer Kindheit in Albanien berichtet, kommt sie ins Schwärmen – die negativen Seiten des sozialistischen Regimes bekam sie nie richtig zu spüren. «Als Kind war ich frei.

Je weniger man hat, desto mehr freut man sich über das, was man hat», lautet ihr Fazit. Duni erzählt davon, wie sie mit ihrer Mutter, der Schriftstellerin Bessa Myftiu, und vier Verwandten (aber ohne patriarchalische Vaterfigur) in einem alten Haus mit grossem Garten in Tirana aufwuchs. Immer und überall, wo Musik lief, fing die kleine Elina zu tanzen an.

Im zarten Alter von fünf Jahren schaffte sie es als Sängerin bei einem Pionierfestival aufs Podest – es folgten Auftritte in Radio, Fernsehen und Zirkus.

Das Erbe bewahren

Nach dem Ende der albanischen Diktatur kommt Elina Duni 1992 mit elf mit ihrer Mutter in die Schweiz, wo sie sich zuerst völlig fremd fühlt. Die Musik wird ihr Refugium: zuerst Blues und Rock, dann Jazz.

An der Jazzschule in Bern begegnet sie dem Pianisten Colin Vallon, der sie dazu animiert, sich mit albanischen Volksliedern zu befassen. So entdeckt sie eine Musik, die in ihrer Kindheit kaum präsent war und um deren Bewahrung sie sich ernsthaft Sorgen macht: «Die Folklore wurde vom Sozialismus instrumentalisiert und so diskreditiert.

Heute hört man in Albanien viel elektronischen Turbo-Folk mit simplen Techno-Beats, aber niemand kümmert sich um die zerfallenden Bänder im Folklore-Archiv, und das Wissen um den traditionellen Instrumentenbau geht verloren.» Nichtsdestotrotz schätzt sich Duni glücklich, dass es auch in Albanien ein Publikum für den zwischen wildem Draufgängertum und melancholischer Sehnsuchtstrunkenheit oszillierenden Balkan-Jazz ihres magistralen Quartetts gibt.

Sa, 22.5., Gambrinus-Jazzclub St. Gallen, 21 Uhr; Reservation: Telefon 071 222 13 30 CDs: «Baresha» (2008), «Lume, Lume» (2010), beide Meta Records