Gleiche Strecke, aber höheres Tempo im «Taxi nach Leipzig»

Als der Hamburger Kommissar Paul Trimmel (Walter Richter) 1970 für die Aufklärung eines Todesfalls eine Taxifahrt in die DDR unternimmt, bringt er sich freiwillig in die Gefahrenzone.

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Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) und Klaus Borowski (Axel Milberg) unternehmen ihren Höllentrip nach Leipzig nicht freiwillig. (Bild: (NDR Presse und Information))

Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) und Klaus Borowski (Axel Milberg) unternehmen ihren Höllentrip nach Leipzig nicht freiwillig. (Bild: (NDR Presse und Information))

Als der Hamburger Kommissar Paul Trimmel (Walter Richter) 1970 für die Aufklärung eines Todesfalls eine Taxifahrt in die DDR unternimmt, bringt er sich freiwillig in die Gefahrenzone. Klaus Borowski (Axel Milberg) und Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) unternehmen ihren Höllentrip nach Leipzig auch nicht aus freien Stücken. Nach dem Besuch eines Polizeiseminars landen sie in einem Taxi. Am Steuer sitzt Ex-Elitesoldat Rainald. Ein Mann mit hochtouriger Psyche. Traumatisiert. Jetzt will er zu seiner Ex, bevor die seinen Todfeind ehelicht.

Nach dem Vorbild eines Travis Bickle aus Martin Scorseses Filmklassiker «Taxi Driver» (1976) hat dieser Rainald für die ein- und aussteigende Kundschaft nur noch Ekel übrig. Dass dieser Mann bei irgendeiner Demütigung durchdrehen wird wie ein Automotor, das steht fest nach Minute eins. Aber nicht, ob die auf der Rückbank gefesselten Ermittler den Militärmann mit ihren Deeskalationsstrategien beikommen können. In hohem Tempo tauchen wir ein in die Gedankengänge von Lindholm, Borowski und Rainald, weshalb man mit dem Täter bald in eine unheimliche Komplizenschaft gerät. In der Extremsituation werden bei den Ermittlern Kindheitstraumata wach, und bohrt das schlechte Gewissen erinnerter Versäumnisse.

Regisseur und Drehbuchschreiber Alexander Adolph verbeugt sich tief vor dem Original, ohne die gleiche Geschichte nochmals zu erzählen. Das wäre nach dem Wegfall der innerdeutschen Grenzen auch nur satirisch möglich gewesen. Drehbuchschreiber Friedhelm Werremeier und Hans Peter Hallwachs, der 1970 den attraktiven DDR-Oberleutnant Peter Klaus spielte, treten kurz auf. Die Parallelen liegen aber eher in den Details: Die von zwei Männern umworbene Frau sieht der Dame aus dem alten Film frappant ähnlich. Und in beiden Fällen richtet sich eine unmoralische Handlung schliesslich gegen ihren Verursacher. Wie nebenbei reflektiert dieser Jubiläums-Tatort aber auch den Generationenwechsel und die veränderten Ermittlungsbedingen. Wo Trimmel noch eskalationsfreudig seine Verdächtigen in deren Wohnzimmer bedrängte, ist im Jahr 2016 psychologisches Feingefühl gefragt. Am Ende ist Schwächezeigen tatsächlich die bessere Überlebensstrategie.

«Tatort nach Leipzig» ist ein waghalsiges Lenkmanöver, das den Tatort-Zuschauer entgegen jeder Tatort-Logik aus der Komfortzone lockt. Selten fühlte man sich in einem Tatort so häufig auf der Überholspur, selten hat man so ums Leben seiner Lieblingskommissare gefürchtet. (jst.)

Jubiläumstatort «Taxi nach Leipzig». Sonntag, 20.05, SRF 1.