Glaubhaft in der Absurdität

Der US-amerikanische Schauspieler und Regisseur Gene Wilder ist im Alter von 83 Jahren gestorben. Wilder war einer der grossen Filmkomiker der Siebzigerjahre.

Daniel Kothenschulte
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«Frühling für Hitler» (1969), Mel Brooks aberwitzige Backstage-Komödie über die Unmöglichkeit, mit einem geschmacklosen Musical über Adolf Hitler keinen Erfolg zu haben, war seiner Zeit zu weit voraus. Nicht nur in seinem Fingerzeig auf die enttabuisierende Kraft der Popkultur. Mel Brooks hatte in Gene Wilder einen Typen entdeckt, den es so im US-Kino noch nicht gegeben hatte: eine unschuldige, gleichwohl intellektuelle Erscheinung, die irgendwie britisch wirkte – obwohl der Mann 1933 in Milwaukee zur Welt gekommen war. Ein Grund war wohl die gute Schule, die der Sohn einer Polin und eines russisch-jüdischen Emigranten an Bristols berühmtem Old Vic genossen hatte.

Ein schrullig-moderner Clown

Auf Twitter erinnerte Mel Brooks an seinen langjährigen Weggefährten: «Gene Wilder – eines der wirklich grossen Talente unserer Zeit. Er segnete jeden unserer gemeinsamen Filme mit seinem Zauber, und er segnete mich mit seiner Freundschaft.» In der Tat schien Brooks in Wilder seinen idealen Protagonisten gefunden zu haben – einen Star, der wie die frühen Stummfilmkomiker Buster Keaton oder Harold Lloyd auch in den absurdesten Situationen glaubhaft wirkte – und der noch dazu durch sein Sprachgefühl Brooks' berühmten Wortwitz bestens transportierte. Sein drahtiger Lockenkopf kam bestens zur Geltung in Brooks' «Frankenstein Junior» (1974), wo ihm schon auf dem Plakat die Haare zu Berge standen. Kinder liebten diesen schrulligen, modernen Clown besonders als Süsswarenfabrikant Willy Wonka in der Erstverfilmung von «Charlie und die Schokoladenfabrik» (1971). In den Siebzigerjahren war Wilder neben Woody Allen wohl der grösste Komiker Amerikas. Unter Allens Regie gelang ihm ein legendäres Kabinettstückchen in «Was Sie schon immer über Sex wissen wollten» – als Arzt bekommt er es mit einem armenischen Schafhirten zu tun, der sich in eine seiner Schutzbefohlenen verliebt hat. Das Tier ist freilich so bezaubernd, dass sich auch der Doktor vernarrt.

Wilders zerbrechliche Seite

Als Liebhaber konnte Wilder hinreissend verloren wirken – etwa in seiner eigenen Regiearbeit «Die Frau in Rot»; wie überhaupt seinen Figuren oft ein Element der Entfremdung anhaftete. Ob als «Rabbi im Wilden Westen» oder als «Sherlock Holmes cleverer Bruder» – Wilder-Figuren trugen Schuhe, die ihnen zu gross waren, um während der Dauer einer Filmlänge wirklich hineinzuwachsen.

So schrill viele der Komödien waren, berührte in ihnen vor allem die zerbrechliche, androgyne Seite des Hauptdarstellers. Und es verwundert nicht, dass seine Fröhlichkeit zum Teil auf einem melancholischen Fundament ruhte.

Nachdem er eine Erkrankung an Lymphdrüsenkrebs überlebt hatte, wurde bei ihm 2013 Alzheimer diagnostiziert – er entschied sich, die Erkrankung, an der er nun 83jährig gestorben ist, nicht bekanntzugeben.

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