GLAUBENSFILM: Eine beklemmende Passion

Es ist ein typisches Martin-Scorsese-Werk. Und in mancher Hinsicht auch nicht. Das kraftvolle Epos um einen Glauben, der Opfer kostet, spielt im 17. Jahrhundert. Doch im Kern ist «Silence» zeitlos.

Andreas Stock
Drucken
Teilen
Qualvoll sterben japanische Christen für ihren Glauben. Szene aus «Silence» von Martin Scorsese. (Bild: Ascot/PD)

Qualvoll sterben japanische Christen für ihren Glauben. Szene aus «Silence» von Martin Scorsese. (Bild: Ascot/PD)

Andreas Stock

andreas.stock

@tagblatt.ch

Es ist bloss ein kleiner Schritt. Ein leichtes Anheben und Aufsetzen des Fusses. Doch es ist ein Akt der Lossagung, des Leugnens. Ein Verrat. Die japanischen Christen werden vor die Wahl gestellt: Sie müssen auf eine kleine Metallplatte mit einer Jesus-Abbildung treten, um zu zeigen, dass sie keine Christen sind. Manchmal werden sie gezwungen, auf die Abbildung zu spucken. Ansonsten sterben sie qualvoll. Dürfen sie sich derart öffentlich von ihrem Glauben abwenden, um ihr Leben zu retten? Oder versündigen sie sich mit diesem symbolischen Akt? Diese Frage steht als existenzielle Bedrohung im Zentrum von Martin Scorseses beeindruckendem Epos «Silence».

Regisseur Martin Scorsese, das ist bekannt, hätte Priester werden können. Der katholische Glaube war dem Sohn italienischer Einwanderer in New York seit Kindheitstagen wichtig. Fast alle seine Filme drehen sich um Sühne und Busse, um Schuld und Vergebung. Mit dem Christentum konkret hat sich Scorsese in «Die letzte Versuchung Christi» beschäftigt, während er in «Kundun» vom tibetischen Buddhismus anhand der Jugendjahre des Dalai-Lama erzählt.

Langer Kampf für ein Herzensprojekt

Dass der New Yorker Regisseur in «Silence» erneut den Glauben thematisiert, ist also keine Überraschung. Es verwundert eher, wie lange Martin Scorsese kämpfen musste, bis er diese Verfilmung einer Novelle des japanischen Christen Shusaku Endo realisieren konnte. Seit 1989, als er das Buch kennen lernte, war es ihm ein Herzensprojekt. Es sagt viel über Hollywood, dass einer der grossen Filmemacher des US-Kinos ein Wunschprojekt so lange nicht realisieren durfte. Den Film drehen konnte er schliesslich nur dank mehreren unabhängigen Produzenten, zudem verzichtete Scorsese auf seine Gage und die prominenten Darsteller wurden unter ihren üblichen Honoraren bezahlt.

Die Geschichte spielt im 17. Jahrhundert. Die jungen Jesuitenpriester Sebastiao Rodrigues (Andrew Garfield) und Francisco Garrpe (Adam Driver) erhalten schlimme Nachrichten aus Japan. Ihr geschätzter Mentor Pater Ferreira (Liam Neeson), der seit vielen Jahren in Japan als Missionar tätig ist, soll seinem Glauben unter Folter abgeschworen haben und nun als Buddhist mit einer japanischen Frau zusammenleben. Die portugiesischen Jesuiten halten das für unmöglich und wollen nach Japan reisen, obwohl man ihnen abrät, die Reise sei zu gefährlich. Missionare werden verfolgt und getötet, man wisse nicht, ob Ferreira überhaupt noch lebe. Unter grosser Gefahr werden Rodrigues und Garrpe ins Land gebracht und treffen in einer Dorfgemeinschaft auf Christen, die ihren Glauben im Geheimen praktizieren. Doch bald müssen die beiden sich versteckt haltenden Jesuiten ansehen, welch grausame Folgen die Christen zu gewärtigen haben, als die japanische Inquisition ins Dorf kommt.

Das quälende Schweigen Gottes

Wie einst Jesus in «Last Temptation of Christ» quält die beiden jungen Missionare eine Frage: das Schweigen von Gott angesichts des Leidens. «Wie kann ich ihnen Gottes Schweigen erklären», fragt sich Rodrigues in einem seiner zahlreichen inneren Monologe. Als Rodrigues später selbst in Gefangenschaft gerät, steht der junge Jesuit vor demselben Konflikt wie einst Pater Ferreira. Der Inquisitor Inoue (Issey Ogata) stellt ihn vor die Wahl: Er kann den japanischen Christen die Tortur der Folter und den Tod ersparen, wenn er selbst dem Glauben abschwört.

Es sind sehr ernsthafte, anspruchsvolle Fragen zu Glauben, Missionieren und Martyrium, die Martin Scorsese aufwirft und die losgelöst vom historischen Kontext zum Nachdenken anregen: Beispielsweise, ob Glaube statt von Symbolik von innerer Spiritualität lebt oder wie Glaube sich zur selbstherrlichen Verblendung entwickeln kann. Die möglichen Antworten darauf können durchaus ambivalent ausfallen. Der US-Regisseur inszeniert das mit einer Ruhe und Zurückhaltung, wie man sie vom virtuosen Bildkünstler kaum kennt. Die Farben sind zurückgenommen, die Kameraführung (Oscar-nominiert: Rodrigo Prieto) majestätisch, aber unaufgeregt, die Bilder haben Zeit zu atmen. Zurückhaltend, aber deswegen nicht weniger erschütternd ist auch die Gewaltdarstellung, bei der Scorsese ansonsten durchaus für explizite Bilder bekannt ist. Man sieht, teils aus Distanz, gerade so viel, um den Schrecken zu erfassen.

«Silence» ist kraftvoll und ein komplett anderer Film als zuletzt «The Wolf of Wall Street» oder beispielsweise «Shutter Island», die mit ihrem inszenatorischen Furor ein grosses Publikum erreichten. Hier nimmt der New Yorker uns mit auf eine beklemmende filmische Passion. Glauben, darin bleibt sich Martin Scorsese katholisch treu, ist auch Leiden.

Ab heute in den Kinos