Glaube versetzt hier nichts

Mit dem israelischen Film «Tikkun» hat das Festival Locarno einen Favoriten auf den Hauptpreis. Da ist es Ironie, dass es gegen das israelische Kino hier einen Boykottaufruf gab.

Andreas Stock/Locarno
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Ein orthodoxer Jude auf der Suche nach dem richtigen Weg: Szene aus dem starken israelischen Wettbewerbsfilm «Tikkun». (Bild: pd/Locarno-Filmfestival)

Ein orthodoxer Jude auf der Suche nach dem richtigen Weg: Szene aus dem starken israelischen Wettbewerbsfilm «Tikkun». (Bild: pd/Locarno-Filmfestival)

«Tikkun» von Avishai Sivan, der bereits am Jerusalem Film Festival mehrere Auszeichnungen erhalten hat, ist bislang der herausragende Beitrag in einem guten Wettbewerb in Locarno. In präzis gestalteten Schwarzweissbildern wird ohne Musik und mit wenigen Dialogen von Haim Aaron erzählt. Der junge orthodoxe Jude ist ein Musterschüler an der Jeschiwa, einer religiösen Hochschule, in Jerusalem. Nach einem Zusammenbruch will ihn die Notfallsanität bereits als tot erklären, doch der Vater setzt die Reanimation fort und holt den Sohn zurück ins Leben. Doch danach ist nichts mehr wie vorher.

Der Film bleibt in seiner Symbolik teils rätselhaft, doch unschwer wird deutlich, wie mit dicht komponierter Bildsprache über Leben, Tod und Glauben reflektiert wird. Avishai Sivan betonte, es gehe ihm nicht allein um die jüdisch-orthodoxe Religion, sondern um einen universellen Blick auf den Glauben.

Petition gegen Film Fund

Es hatte hier kaum Wellen geschlagen, dass die internationale antiisraelische Boykottbewegung BDS (Boycott, Desinvestments, Sanctions) in Locarno erneut die «verantwortungslose Haltung» des Festivals kritisiert, das mit einer Organisation der Regierung Israels kooperiert. Bereits im Frühling hatte die BDS eine Boykottpetition lanciert, weil das Festival mit dem staatlich finanzierten Israel Film Fund dem israelischen Kino eine «Carte blanche» gab. In den vier Jahren zuvor waren unter diesem Namen jeweils südamerikanische Länder eingeladen. Sie hatten die Möglichkeit, Filme, die abgedreht, aber noch nicht ausfinanziert waren, Vertretern der Filmindustrie zu zeigen. Ziel ist, dass ein Verleiher oder Co-Produzent die Fertigstellung eines Projektes mitfinanziert, was mit einem Preisgeld gefördert wird.

Nach der Petition änderte Locarno den Namen auf «First Look» und berief sich auf die künstlerische Meinungsfreiheit, die das Festival hochhalte. Dass das Festival seine diesjährige «Open Doors»-Reihe dem nordafrikanischen Kino widmete, brachte seitens BDS den Vorwurf ein, man instrumentalisiere damit die arabischen Kunstschaffenden.

Frauendrama erhält Förderung

Katriel Schory, Direktor des Israel Film Fund, wehrte sich im Branchenmagazin «Variety» dagegen, man werde staatlich kontrolliert. Ohne öffentliche Beiträge sei es aber in Israel unmöglich, einen Film zu finanzieren. Der Film Fund stellte elf Filme in Postproduktion zur Verfügung, aus denen das Festival sechs auswählte. Eine dreiköpfige Jury hat nun der Regisseurin Elite Zexer den «First Look»-Preis im Wert von 60 000 Euro zugesprochen. Ihr Drama «Sand Storm» sei «eine mutige Darstellung der Probleme von mehreren Generationen von Frauen», begründete die namhafte Jury.