Osterfestival: Glanzfest des barocken Operngesangs

Beim ersten Auftritt noch verhalten, begeisterte die Barock-Spezialistin Emmanuelle Haïm beim zweiten Auftritt im KKL das Publikum restlos. In einem reinen Händel-Programm überzeugten neben der Dirigentin auch zwei hochkarätige Solisten.

Fritz Schaub
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Emmanuelle Haïm dirigiert das Ensemble Le Concert d’Astrée. Rechts Sandrine Piau und Tim Mead. (Bilder: Peter Fischli/LF, 12. April 2019)

Emmanuelle Haïm dirigiert das Ensemble Le Concert d’Astrée. Rechts Sandrine Piau und Tim Mead. (Bilder: Peter Fischli/LF, 12. April 2019)

Auf die französische Barockspezialistin Emmanuelle Haïm war man aus verschiedenen Gründen besonders gespannt. Zum einen war es erst ihr zweiter Auftritt in Luzern, mit ihrem eigenen Ensemble war es sogar der erste.

Denn vor drei Jahren am Sommerfestival hatte Haïm die Wiener Philharmoniker – ein mit alten Instrumenten verstärktes Barock-Ensemble – vom Cembalo aus dirigiert. Jetzt kam sie mit ihrem eigenen Ensemble Le Concert d’Astrée, dem einzigen Originalklang-Ensemble am diesjährigen Osterfestival. Und dem einzigen unter den renommierten Gastensembles, das einen Hauch von spiritueller und österlicher Aura verbreitete.

Bilanz: Erfolg auch mit lokalen Kräften

Zum Osterfestival, das heute zu Ende geht, vermeldet Lucerne Festival eine «erfreuliche Bilanz». Es zählte 9000 Besucher in neun Veranstaltungen – bei einer Veranstaltung weniger gleich viele wie vergangenes Jahr. Auch die Auslastung von 88 Prozent entspricht praktisch jener des Vorjahres (89). Zwei Konzerte waren ausverkauft, jenes der Wiener Sängerknaben in der Jesuitenkirche und das Verdi-Requiem unter Teodor Currentzis im KKL. Interessant ist der Erfolg, weil sich die geistliche Musik stark auf Kirchenkonzerte mit lokalen Kräften konzentrierte, während die Sinfoniekonzerte weltlich ausgerichtet waren. Dazwischen steht das Schlusskonzert des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks: Da dirigiert Bernard Haitink (90) nach ­Mozarts Klavierkonzert KV 503 (mit Till Fellner) erstmals in Luzern Bruckners sechste Sinfonie (17 Uhr, Konzertsaal KKL). (mat)

Dabei begann es mit einer Enttäuschung. Denn im Alte- Musik-Konzert I in der Franziskanerkirche am Dienstag fand Emmanuelle Haïm, vor dem Chorgitter abwechslungsweise vom Orgelpositiv oder vom Cembalo aus dirigierend, keine Bindung zu den stehend musizierenden sechs Solisten des Concert d’Astrée. Die Aneinanderreihung von reinen Instrumentalsätzen und deren Ausrichtung auf das Thema «Sacro-profanum» wirkte reichlich fantasielos. Denn die Gegenüberstellung von weltlichen und geistlichen Werken bestätigte, dass zwischen den für den Hof oder für die Kirche entstandenen Barockwerken ein vergleichsweise minimer Unterschied besteht. Was die Monotonie des Gesamteindrucks nicht eben auflockerte.

Nicht der deutsche, sondern der italienische Händel

Ganz anders im zweiten Alte-Musik-Konzert am Freitagabend. Hier trat Emmanuelle Haïm mit dem Countertenor Tim Mead und der Sopranistin Sandrine Piau sowie mit dem von ihr 2000 gegründeten Ensemble Le Concert d’Astrée auf, in dem sich auch die Solisten des ersten Konzerts, angeführt von Konzertmeister David Plantier, befanden. Das 22-köpfige Orchester wirkte unter dem Dirigat der Leiterin, die den Cembalopart einem Kollegen überliess, wie verwandelt.

Vom Podium aus zeichnete sie mit raumgreifenden Gebärden die Phrasen nach oder stachelte mit kurzen, schnellen Bewegungen den Rhythmus an – und das Orchester folgte ihr präzis, leicht und schlank in den schnellen Partien, mit warmem, von innen her belebtem Ausdruck in den emotionalen Ausbrüchen. Ein einziger Komponist stand auf dem Programm, Georg Friedrich Händel. Und es war nicht der deutsche oder der englische Händel, sondern der italienische, der vor dem englischen Publikum seine italienischen Opern uraufführte.

Sandrine Piau (Sopran) und Dirigentin Emmanuelle Haïm.

Sandrine Piau (Sopran) und Dirigentin Emmanuelle Haïm.

Was für ein Glück, dass man G. F. Händel, der lange als Oratorienkomponist galt, in jüngerer Zeit wieder als Operndramatiker entdeckt hat. Möglich gemacht hat dies die Schulung von Countertenören (oder Altus), die an Stelle der Kastraten traten.

Ein solcher stand mit dem 38-jährigen Engländer Tim Mead auf der Bühne, zu dem sich wie vor drei Jahren mit den Wiener Philharmonikern die ebenfalls in der Alten Musik geschulte französische Sopranistin Sandrine Piau (54) gesellte. Beide verkörpern auch Rollen in nichtbarocken Opern, ja sogar in Werken der Avantgarde.

Zauber, Wahnsinn und Raserei

Das zeigte sich besonders eindrücklich bei den Arien und ­Duetten, in denen die Affekte sich in extremen Lagen des Zaubers, des Wahnsinns und der Raserei bewegen und die zwei auch Brustregister einsetzten, ohne den melodischen Reiz zu schmälern. Höhepunkte waren dabei die Arien und Duette aus «Alcina», «Rodelinda» und «Rinaldo».

So wechselte Sandrine Piau in der nur von Streichern begleiteten Arie «Ah, mio cor» von der schmerzzerrissenen Klage der liebenden Alcina über den Verräter handkehrum ins trotzige «Ich bin Königin» der Zauberin, um in der Da-capo-Arie mit Hilfe des Brustregisters in einen noch gesteigerten Schmerzausdruck der verratenen Frau zu wechseln. Das löste einen spontanen Applaus mit Bravorufen aus.

Dirigentin Emmanuelle Haïm und Tim Mead (Countertenor).

Dirigentin Emmanuelle Haïm und Tim Mead (Countertenor).

Hatten sich die zwei zunächst emotional noch etwas zurückgehalten, steigerten sie sich nach der Pause in den Duetten in einen wahren Gefühlsrausch und verschmolzen zu in ätherischer Höhe schwebendem Pianogesang. So im heftig applaudierten Duett «Io t’abbraccio» aus «Rodelinda, regina de’Langobardi». Tänzerisch leicht und funkensprühend mit einem sinnlich und männlich klingenden Tim Mead gerieten Rezitativ und Duett aus der frühen Opera seria «Rinaldo». Sie hatten sich endgültig freigesungen und quittierten den stürmischen Applaus mit zwei Zugaben.

Emmanuelle Haïm debütiert am 19. Mai am Opernhaus Zürich mit «Hippolyte et Aricie» von Rameau, nicht mit ihrem Ensemble, sondern mit dem Orchestra La Sintilla.