«Glamour, mon amour»-Kolumne
Von surrealen und unerfüllten Wochenendträumen

Unsere Autorin Simone Meier schreibt diese Woche über ihr Wochenende in den Bergen, das nach einem unerwarteten Tief doch noch zum vergnüglichen Erlebnis wurde.

Simone Meier
Simone Meier
Merken
Drucken
Teilen
An der Vernissage unserer Autorin war kein physisches Publikum anwesend.

An der Vernissage unserer Autorin war kein physisches Publikum anwesend.

Bild: Donato Caspari

Ich hatte ein reales Buch geschrieben und eine digitale Buchvernissage gemacht, und die war eins der eigenartigsten Erlebnisse meines Lebens. Die Moderatorin und ich sassen auf einer Bühne, vor uns lag ein leerer Saal, drei Kameras richteten ihre schwarzen Augen auf uns, und vor den Fenstern lag die eingedunkelte Stadt und wirkte so leblos, als wäre sie in ewigen Schlaf gefallen. Wir lasen und redeten in die menschenleere Nacht hinaus und hatten keine Ahnung, ob wir überhaupt jemanden erreichten.

Es war exakt wie in einem jener surrealen Träume, in denen eine Entgrenzung einsetzt, die alles erfasst. Träume, in denen Bäume bis zum Mond wachsen und in denen sich Räume auszudehnen beginnen, bis sie unendlich scheinen. Träume, in denen wir über der Welt schweben und eine Freiheit spüren, die so gross ist, dass sie absoluter Einsamkeit gleichkommt.

Auf Umwegen zum Gourmethotel

Ich beschloss, diese hoffentlich einmalig bleibende Form einer Vernissage zu geniessen und mir die neue Seltsamkeit ganz fest für später zu merken. Irgendwann wurde uns signalisiert, dass da draussen tatsächlich Menschen zuhörten und auch Fragen hatten, und ich freute mich darüber, als sässe ich seit Jahren in einem Raumschiff und würde plötzlich Stimmen von der Erde vernehmen.

Aber eigentlich wollte ich Ihnen etwas ganz anderes erzählen. Also: Ich hatte ein Buch geschrieben und mich deshalb monatelang auf einem monadischen Arbeitstrip befunden. Ich beschloss daher, mein Liebesleben ein Wochenende lang mit einem kleinen Gourmethotel auf einem Berg zu entschädigen. Wir freuten uns wie verrückt darauf, zwei Abende lang in einem legendär feinen Restaurant an einem Tisch zu sitzen.

Leider war ich in Geografie schon immer eine Niete gewesen. Weshalb mir leider nicht auffiel, dass die in einer Zeitung angegebene Hotel-Bergbahn-Station die falsche war. Ich googelte die Station und «Hotel» und rief begeistert die Nummer an, die auf meinem Bildschirm erschien. Ich wunderte mich minimal, dass die sehr nette Frau am andern Ende nicht ihr Essen, sondern ihren Spa-Bereich anpries, dachte aber nicht weiter darüber nach.

Weder Gaumenorgasmus noch Geschmacksexplosion

Und so sassen wir in der Bergbahn, und mein Liebesleben rief: «Da ist unser Hotel, wir müssen aussteigen!» Ich wurde weisser als Schnee und sagte kleinlaut: «Nein, müssen wir noch nicht.» Und so endeten unsere Träume vom Gaumenorgasmus und der Geschmacksexplosion durch meine Schuld eine Station weiter in einem riesigen Betonbunker-Seminarhotel. Wo der fantastische Barkeeper sofort unser bester Freund wurde und uns mit allerlei flüssigen Spezialitäten verwöhnte. Die nichtflüssigen Spezia­litäten waren allesamt gut, aber natürlich nicht, was wir uns ausgemalt hatten.

Jetzt sehnen wir uns eben noch ein paar Wochen länger nach einem exquisiten Beizenbesuch. Wie sagt ein englisches Sprichwort so schön? Absence makes the heart grow fonder. Die Liebe wächst mit der Entfernung. Egal ob nach Auswärtsessen oder nach einem richtigen, anwesenden Publikum.