«Glamour, mon amour»-Kolumne
Die verstummte Stadt

Unsere Autorin Simone Meier schreibt diese Woche über einen alltäglichen Abend während des zweiten Lockdowns.

Simone Meier
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Unsere Autorin Simone Meier

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CH Media

Mein Liebesleben und ich sassen beim Raclette. Es war ein Abend wie unzählige andere, wir waren zu zweit zu Hause, wir assen, danach würden wir einen Film schauen oder eine Serie, gerade hatten wir mal wieder «Casablanca» gesehen und gestaunt, wie hochgradig albern der Film im Grunde ist. Wie sehr Ingrid Bergman und Humphrey Bogart darüber hinwegtäuschen müssen, dass es sich neben ihrer Liebesgeschichte um eine nicht rasend einfallsreiche Kriegskomödie handelt.

Ich merkte, dass ich dabei war, doppelt so viel Raclette zu essen, wie ich mir vorgenommen hatte, und schlug deshalb vor, einen Spaziergang zu machen. Für mich bedeutet Spazierengehen, ziellos geradeaus zu schlendern. Für mein Liebesleben muss es mit einem Ziel und einer Anstrengung verbunden sein. Am besten mit einem Dreitausender.

Wir einigten uns auf einen Kompromiss. Nämlich auf die Zürcher Bahnhofstrasse. Wir stellten uns vor, dass sie jetzt, im Lockdown Nummer zwei, besonders gespenstisch sein müsse. Dystopisch. Postapokalyptisch. Und stellten bereits auf ihren ersten Metern fest, dass sie im Grunde war wie an irgendeinem andern Winterabend nach Ladenschluss und nach Anbruch der Dunkelheit.

Die Läden waren halt einfach geschlossen. Auf den ersten Blick. Auf den zweiten entdeckten wir Menschen. Teenies, die irgendwo im Bahnhof noch ein Getränk und etwas zu essen gefunden hatten und jetzt im Eingang ihres Lieblingsgeschäfts, vor dem H&M und Zara, in Kleinstgruppen auf den Stufen sassen, froren und sich einredeten, mal wieder in so etwas wie einem Ausgang zu sein. Liebespaare, die sich vor dem Schaufenster von Tiffany küssten und sich einbildeten, in einem Film zu sein. Ein paar harte Aargauer Jungs, die mit ihren getunten Autos vor dem Bahnhof standen und rauchten und verwundert in die verstummte Stadt hinausblickten.

Auf allen Schaufenstern stand «Sale», und hinter einigen herrschte eine grosse Leere, die irgendwann mit Neuem gefüllt würde, mit neuen Kleidern für einen neuen Frühling, einen Sommer, der vielleicht wieder eine vorsichtige Reise an ein Meer oder in eine grössere Stadt als Zürich erlauben würde.

In vielen Fenstern hingen allerdings seit Wochen die gleichen Winterkleider. Sie hatten an Haltung verloren und an Wert und wussten, dass sich nie wieder jemand für sie interessieren würde. Je weiter wir Richtung See gingen, je teurer die Geschäfte wurden, desto trauriger und kälter wurde die Strasse.

Die Weihnachtsbeleuchtung hing noch, leuchtete aber schon lange nicht mehr, Regen begann zu fallen, und die erblindeten Leuchtkörper schimmerten von oben herab wie erstarrte Tropfen. Der silberne Schlangenkopf der Medusa, die neben dem Eingang von Versace auf der nassen Mauer prangte, blickte uns so hart ins Gesicht, dass wir fürchteten zu versteinern.

Zuhause trösteten wir uns mit einem Film, der auf einem Schiff spielte, die Sonne schien, Cate Blanchett, die für mich die neue Ingrid Bergman ist, strahlte, und viele Menschen waren sehr lebendig. Alles war wieder gut.